# Honigtropfen

Eine Wiese aus Gedanken und Alltagsblüten im Honignadelwald

Tired Of Blues


Mighty Sam McClain auf Youtube anschauen.

Neue Form und altes Glück

Es ist faszinierend, aber seit dem letzten Eintrag ist schon wieder ein Jahr vergangen. Eigentlich erschreckt es mich eher, wie schnell die Zeit am eigenen Leben vorbei zieht und die Spuren der Veränderungen dabei verwischt. Vor allem habe ich damals eine neue Position übernommen, die sich seitdem noch mehr ausgebaut hat und ich muss zugeben, dass sie ganz schön fordert. Nicht so sehr von der Aufgabe, sondern von der Umsetzung der Aufgabe, auch wenn das jetzt schwierig zu verstehen ist. Die Faktoren sind oft nicht überschaubar, das Ambiente entspricht nicht der eigenen Lebenslinie und zugleich entdeckt man jeden Tag Neues und Altbekanntes im gleichen Atemzug. Es ist viel und wenig zugleich.

Nun denn, ich muss mich erst wieder langsam sammeln und meine Gedanken und Meinungen ordnen. Und sie in eine Form gießen, mit deren Ergebnis ich auch gut leben kann. Aber es hat sich in den letzten Monaten soviel geändert, nicht nur bei mir, sondern auch in dieser Welt, dass ganze Bastionen keine Rolle mehr spielen und Andere dazu gekommen sind. Und noch immer bin ich beim Sondieren und dem Verstehen.

Auch verändert sich das Netz immer weiter und in meinem Umkreis sehe ich es selber: die Lust daran stirbt, es wird nur mehr konsumiert, aber nicht mehr geformt. Ich bin selber keine Ausnahme, ich fühle mich ermattet und die Resonanz durch Andere ist oftmals doch recht belanglos, wenn man ehrlich ist… also wägt man die Zeilen des Geistes dreimal ab, bevor man sie tatsächlich ausschüttet. So mag ich zum Beispiel meinen kleinen Textblog drüben, aber zugegeben: ich weiß nicht, wozu mehr und was damit tun. Es hat sich gerade erschöpft, aber es fehlt sicherlich auch einfach die Freizeit im Kopf, die Gedankenausformungen zulässt. Auch wenn es nur ein Eindruck und ein Gefühl sein mag.

Auch rechtlich ist mittlerweile vieles Anderes geworden, deswegen habe ich mal das alte, von mir sehr gemochte, Layout entfernt und wie man sieht, bin ich sehr rudimentär geworden. Aber dafür ist es selbst gemacht und ohne Abhängigkeiten sowie aktualisiert… das verschafft einen ruhigen Schlaf, außerdem regt es mich selbst an, hier wieder Leben einzupflanzen und die Honigwiese erneut erblühen zu lassen.

Die ersten Tage im Grünen sind stundenweise immerhin und währenddessen schon genossen, Sonne wurde ein wenig getankt, aber es fehlt noch viel, bis der Lebenseimer tatsächlich wieder aufgefüllt ist. Aber ein kleines Samenkorn ist wieder gesetzt und ich gieße es mal ein wenig. Das muss auch mit den Pflänzchen im Freundeskreis passieren, die Erde ist doch zu trocken geworden. Leben ist nicht leicht, auch wenn man es selber in der Hand hat, wie und wo es wächst. Aber erst mal das Antlitz wieder benetzen und einatmen…

Sonnenstunden

Zum ersten Mal seit gefühlten Jahren sitze ich nun wieder mit einem kurzärmligen Hemd im Halbschatten unter einem grünen Baum im Grünen und tippe ohne Ziel in die Tastatur. Endlich wieder draußen sein, im Freien unter (ein wenig) blauen Himmel und losgelöst von den vier Wänden aus Beton, Verputz und sonstigen, künstlichen Eingrenzungen des alltäglichen Lebens.

Es ist heiß und kühl im Schatten zugleich, ohne Wind könnte man sich auch in den südlichen Gefilden gedanklich verlieren und dem Gefühlsleben freien Lauf lassen. Es würde sich auch glatt anbieten, hier und da ein wenig auf einer Wiese an einer Gartenlaube zu werken, aber solche örtlichen Raritäten sind kostbar und nicht zu erreichen.

Eigentlich weiß ich nicht wirklich, was es hier nach so langer Zeit wieder zu berichten gibt, denn der Blog war in einem gemütlichen und stressfreien Winterschlaf und der Beruf, der die Teilnahme an dieser Ruhe verhindert, nimmt und kostet Zeit, viel Zeit, die die Tage dadurch kurz und bündig wirken lässt. Da passen an manchen Abenden auch keine wenigen Buchstaben mehr in die kurzen Spalten des restlichen Seins.

Schon wieder also fast ein Jahr, seitdem ich mich in einer neuen Welt beheimatet habe, die es eigentlich nie war und vermutlich auch nie sein wird. Aber man lernt sich zu arrangieren, zu akzeptieren und feilt dabei leise und dezent weiterhin unentwegt langsam an den Stäben vor der Türe, immer bereit und aufmerksam für eine etwaige Flucht.

Einer dieser Stäbe wird eine neue Aufgabe sein, die ich wohl in Kürze nun übernehmen werde. Ich freue mich darauf, sie fordert zugleich Respekt ein und sie wird wieder etwas völlig Neues sein, wo ich mich mit neuen Variablen, Begebenheiten, unbekannten Vokabular und Dingen auseinandersetzen muss, die ich bisher nur vom beiläufigen Sehen kannte und denen ich eigentlich und ehrlicherweise eher mäßige Daseinsberechtigung zugestand. Aber mir wird nun der Spielraum in die Hand gelegt, der es ermöglicht, meine eigene Sparte aufzubauen, zu formen und eigene Ziele zu definieren.

Nun denn. Die nächsten Worte der Vernunft lasse ich dann wieder fließen, wenn ich mehr darüber weiß und mich eingefunden habe. Noch heißt es ja warten und das übliche Hamsterrad treten, sofern also lässt sich da noch nicht philosophieren oder gar räudig darüber schwätzen.

Irgendwie ist es ungewohnt hier in den Blog zu tippen, denn nach der langen Abstinenz und Umzug in das Wiki hier, sowie die leider etwas dürftige Pflege des Textbloges drüben, fühlt es sich ein bisschen wie eine Retrospektive des eigenen Lebens an. Der gleiche Blog, der gleiche Ort und die selben Vögel (mutmaßlich), die in denen Bäumen zwitschern und der selben Kirchturm, der vorne die Uhr schlagen lässt.

Oh, nun doch, eine Kleinigkeit ist anders… die Haare sind tatsächlich lang geworden, ein Zopfband hält sie im festen Griff, sie reichen bereits an und über die Schulter und das kurzärmlige Hemd mit dem Strichmuster lässt mich damit wohl nun endgültig nach eine halbgaren IT-ler aus der alten Computerbranche wirken, der sich in den Park verirrt hat. Aber es ist ok. Ich bin nicht zufrieden mit den Zielen des Lebens, nicht mit dem Weg des Lebens und auch nicht mit dem Umgang damit, aber mit mir selber komme ich mittlerweile recht gut zurecht.

Ich glaube, ich habe gelernt, mich ein wenig zu akzeptieren und definiere auch genauer, was mir gut tut und was nicht. Das ist auf jeden Fall ein Bereich der dauerhaften Entwicklung, den ich positiv in meine geistige Anarchen-Sammlung meiner bisherigen Laufbahn seit dem ersten Atemzug vermerken darf.

Wenn wir schon bei Veränderungen sind… nach langer Zeit, nach vielen Jahren wohlgemerkt, war ich mal wieder in einem Sportgeschäft, wollte meine Fahrradbereifung erneuern, denn die Schläuche haben ihren Druck verloren. Geschuldet wohl auch der langen Lagerzeit im Kofferraum unter wechselnden Bedingungen. Aber auch so ein simpler Vorgang des Kommerz kann eine steinige Herausforderung und Aufgabe sein. Früher bekam man Ersatzschläuche quasi überall – vom einfachen Baumarkt bis hin zum Ramschgeschäft. Heute hingegen muss man sogar im Sportgeschäft danach fragen, ein geheimnisvolles Regal offenbart Reste der Sammlung und es sind auch nur mehr gewisse Größen vorhanden und auch der Mitarbeiter muss überlegen und die Zollmaße ablesen, bedenken und schätzen.

Immerhin bin ich mit 4 Schläuchen, zwei als Ersatz, von dannen gezogen und werde den Nachmittag nun der Pflege und Neubereifung widmen. Aber es ist traurig, dass die Welt des Bastelns und Werkens nicht mehr so leicht zu beglücken ist. Auch die anderweitige Auswahl an Zubehör für den treuen, futterfreien Esel ist mehr als dürftig und recht einseitig. Heute kauft man wohl nur mehr vorgefertigt oder geht zum kleinen Hipster-Geschäft mit der Marken-Präferenz und Retro-Noblesse in ambientaler Form.

Ach ja, da war ja noch eine kleine Last des Lebens, die ich hier kurz loswerden möchte. Im wortwörtlichen Sinn, denn das warme Wetter, das sich nun langsam und zeitweise etwas zögerlich heran pirscht, fordert seinen Tribut, sobald man sich wieder kurze, dünne Leibchen anzieht und feststellen muss, dass man an Form verloren und zugleich aber zugelegt hat. Leider nicht in muskulöser Form, nicht weiter tragisch, denn ein Adonis war ich noch nie, hier liegt genug Gewohnheit des eigenen Anlitzes vor, um sich abgehärtet dem eigenen, geistigen Don Quichotte zu stellen… aber ein wenig Masse um das Zentrum tut einfach nicht gut. Die muss weg, bevor noch ganze Planeten eingefangen werden und sich im Kreisel der Schwerkraft rund um meinen Körper ansammeln.

Also weniger Süßes, weniger Fett. Nicht leicht, denn das berufliche Umfeld mit einer löblich reichhaltigen Kantine schiebt die kleinen Zellen der Zulage munter Gabel um Gabel in den Körper. Standfestigkeit ist notwendig, aber sicherlich nicht mein Steckenpferd. Dazu bin ich zu rebellisch und leiste mir die Ungepflogenheit der Nicht-Beachtung meiner eigenen Vorsätze, um genau diese Haltung später zutiefst und aus voller Überzeugung zu verurteilen.

Gerade schwebte eine kleine Blüte an mir vorbei.

Ein sehr schöner Moment übrigens. Aber mmmmh. Sprachlich irgendwie etwas trocken.

Gerade schwob eine kleine Büte an mir vorbei.

Besser. Und viel feiner, wenn die Sprache meiner Vorstellung folgen würde, aber dazu ist die Gesellschaft nicht bereit. Aber ich mag es, durch die Parklandschaft zu spazieren, den Vögeln zuzuhören und dem Wind zu lauschen, wenn zugleich die innere Stimme mit tiefer Dramatik und schwerer Stimme mit dem Hall eines Orchesters Sprüche formt, dabei hochgezogene Augenbrauen wirken lässt und von sich weisende Hände, die in die Lüfte gehoben werden, während man sich vor Demut des Lebens verneigt…

So schwob diese Blüte gar bunt und fröhlich an mir vorbei,
trog dicken, saftigen Blütenstaub in ihrem Kelch
und dabei verzweifelt ein Bienchen an ihr eifrig sog.

Sinnentleert, aber es macht insgeheim Freude, sich an solchen Dramaturgien der inneren Reden im Sonnenschein zu üben. Und wenn wir schon Anekdoten hier zum Trocknen ausbreiten, dann hat mich der alte Bauchträger im Supermarkt heute zuerst verärgert, aufgrund seiner unnützen Ergänzung einer Tatsache, die sowieso schon ärgerlich war, aber die sich im Nachhinein beim Nachdenken darüber sehr belustigend darstellt.

Denn er konnte es nicht lassen, die nicht vorhandene Kassiererin an der Kasse lautstark mit der Regierungsarbeit zu vergleichen, die dieses Schauspiel schon seit Jahrzehnten gekonnt und leistungsstark auf die Bühne bringt. Eine klassische, österreichische Form der Rebellion. Einmal im Supermarkt aufstapfen und man hat seine Pflicht als Bürger getan.

Prost, ich trinke nun köstlichen Saft aus der Marille.

Es ist Sommer.

Das Wiki-Leben

Das ist eigentlich nur eine kurze Notiz, aber ich bemerke durch den „neuen“ Alltag in meinem Leben eben gewisse zeitliche Einschränkungen, wie man auch sicherlich am Blog und Forum und so weiter merkt… soll heißen, es fehlt da nun einfach die Zeit und Energie dazu. Aber still bleibt es dennoch nicht, stattdessen will ich mich mehr in das „neue“ Wiki zurückziehen, auch wenn das jetzt eigentlich das falsche Wort ist, denn es ist eigentlich viel eher eine Befreiung und bietet mehr an Spielraum für mich.

1872,_Church,_Frederic_Edwin,_Passing_Shower_in_the_Tropics

Vor vielen, vielen Jahren bin ich ja über die Seiten von zum Beispiel unter anderem Markus, Marc und Anderen gestoßen, die ein bisschen so am Rande des Netzes ihr eigene Seite befüllen und bunt gemischt diverse Sachen online stellen oder stellten. Rudimentär, einfach und sehr unkompliziert – ganz ohne Marketing, Portfolio-Kram, durchdachten Formulierungen oder Kommerz im Hintergrund. Die Seiten wirken unscheinbar, aber folgt man dem einen oder anderen Link in den Texten, verliert man sich plötzlich in Dutzenden noch weiteren Einträgen, zusätzlichen Links und noch mehr Seiten und man entdeckt Stück für Stück oftmals ein unglaubliches Sammelsurium an Erzählungen, Geschichten, Projekten, Ideen oder kleinen Notizen aus dem normalen Alltag eines Menschen. Ohne besondere Hierachie oder Hintergrund und kaum aufbereitet für die Masse und meistens nur mit wenigen Besuchern oder einer sonstigen Anbindung an die Hyper-Welt.

Und ich mag so etwas sehr. Immer schon und viel mehr, als die glatten Portfolios oder Profiling-Blogs. Das sind Dinge und Einträge, die ich gerne lese, die tun nicht weh, die fordern nicht und verkaufen nichts, es ist manchmal nett oder lustig geschrieben und man weiß, da liest wohl nur selten jemand drüber. Halt sympathisch und „unbemüht“. Ausgelebt.

Es erinnert mich immer irgendwie an ein Haus oder an eine Hütte in einer schönen, unberührten Landschaft, die noch voller unverfälschter Natur ist, in der man noch frei Atmen kann und die ständig neue Entdeckungen bietet. Man klopft nach einer zufälligen Wanderschaft an, tritt ein und dann erforscht man in den nächsten Wochen und Monaten und mehr langsam und in Ruhe immer mehr von dieser Welt, kennt sich dann langsam auch in dem oder anderen Winkel aus und freut sich über jeden weiteren Schritt. Ähnlich wie eine gute Buch-Serie, wo man in jedem Band neue Erlebnisse erfährt, aber dennoch schon weiß, woran man ist und sich damit Stück für Stück erfreut weiter in diese Welt tastet.

Solche Seiten sind oft auch nach Jahren noch für den Autor selber informativ und lesenswert. Ähnlich wie ein altes Fotoalbum aus den Kindertagen, wo man sich dann auf jeder Seite wieder Stückchenweise an diese oder jene Begebenheiten der damaligen Zeit erinnert. Vielleicht auch eines Tages für meine kleine Schwester, falls sie mal darüber stolpert.

Daraufhin steuere ich nun eh schon die letzten Jahre mehr und mehr zu, kürze meine Seiten und „kompaktisiere“ Vieles, investiere nicht mehr ganz so viel Zeit und glücklicherweise ist es mir mittlerweile auch völlig egal geworden, ob man mich im Netz findet oder nicht. Schlicht und ergreifend auch deswegen, weil es beruflich nun einfach keine Rolle mehr spielt… in der IT-Branche bin ich nicht mehr und auch sonst kann ich aus meinen Texten oder Blog irgendwie nicht mehr wirklich einen Gewinn schlagen. Speziell für den aktuellen Beruf gibt es hier keinen Mehrwert oder Hintergrund, der damit bedient werden kann und es interessiert dort auch niemanden oder schenkt einen Bonus. Es gibt sozusagen keinen Wirkungskreis mehr, der befüttert werden müsste – im Gegensatz zu früher.

Und das befreit enorm, wie ich vor allem die letzten Wochen gemerkt habe. Es ist einfach egal geworden, weil es mittlerweile keine direkten Auswirkungen mehr auf mein Leben hat und auch generell möchte ich nichts mehr beweisen müssen. Ich für mich weiß, was ich online kann und das reicht mir, das muss ich nicht noch extra bestätigen, in dem ich mich weiter auf Twitter, Instagram, Facebook und so weiter herumtreibe und dabei Herzchen mit durchdachten Einträgen oder Bildern sammle.

Langfristig wird es vermutlich so enden, dass es nur mehr diesen Blog hier und das Wiki drüben gibt, wo ich Alltags-Dinge sammeln möchte. Das spüre ich. Und ich freue mich darauf, nur muss ich erst lernen, mich selber davon zu lösen. Das ist das eigentliche Hauptproblem… ich selber bin das Hindernis dabei und verliere mich bei vollem Bewusstsein gerne in vielen Online-Projekten.

Wie auch immer… das Gemälde da oben reizt mich sehr und es zeigt die Richtung, auf die ich online steuere. Mein kleines Wiki-Häuschen in einer ruhigen, unberührten Landschaft. Da kann ich rumackern, basteln, werken und in den blauen Himmel schauen – und wenn jemand vorbeistapft, dann bekommt er eine gute Tasse Tee und man setzt sich in Ruhe in den Garten und genießt die Entspannung.

Klingt völlig übertrieben beschrieben und extrem kitschig, aber ich meine das wirklich so. Das sind tatsächlich Dinge, mit denen ich mich so im Alltag gerne beschäftige und die mir Freude schenken. Auch wenn das Viele nicht nachvollziehen können oder gar keinen Bezug dazu haben.

Aber für Jemanden, der seine Zukunft ursprünglich im Netz viele Jahre lang – fast zwei Jahrzehnte bald – aufgebaut hatte, unzählige Aufgaben, Projekte oder eben auch Berufe unter anderem durch seine Webseiten mitgestaltet oder gar dadurch erst überhaupt ermöglicht wurden und anhand derer ich auch wieder weitergereicht worden bin, ist das schon eine markante Veränderung. Fühlt sich aber durchaus gut an.

Gemälde: Frederic Edwin Church (Princeton University Art Museum) [Public domain], via Wikimedia Commons

Das Turnen auf den Holzplanken

Seinen Heimathafen zu finden, ist wohl so ziemlich die schwierigste Aufgabe, der man sich als Mensch vermutlich stellen kann. Zumindest sage ich mir das, während ich gerade in den blauen Himmel schaue, neben mir ein strahlendes Blätterdach, das in einem satten, hellen Grün mit etwas Schattenspiel aufleuchtet und vor mir eine trockene Wiese, die in der Sonne mit den Farben ihrer Blüten spielt. Währenddessen versuche ich in mir die Ruhe zu finden, die sich in den letzten Wochen etwas verlaufen hat und vom Weg abgekommen ist.

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Dichte Tage, vollgestopft mit seltsamen Begriffen, komplexen Abläufen und das Alles in einem ungewohnten, völlig neuen Terrain, in den man vorsichtig einen Schritt vor den Anderen setzt, immer ein Auge nach rechts und links werfend. Ein neuer Job. Der interessanterweise mehr an Lernen und Aufmerksamkeit verlangt, als in all den Bisherigen, wo ich mehr oder weniger eigentlich immer schlicht und ergreifend meine bestehenden Erkenntnisse und Wissensspuren des Lebens einsetzen und ausspielen konnte. Zum ersten Mal jedoch nützt das nichts und ich beginne bei null, ganz am Anfang. Spannend und anstrengend zugleich.

Aber das Leben besteht aus dauerhaften Umbrüchen und das auch immer dann, wenn man damit nicht rechnet. Der Tod hat sich auf unangenehme Weise herangeschlichen, sein ausnahmsloses Werk im Umkreis eines nahen Menschen vollendet und schlussendlich auch bei mir in der eigenen Wohnung. Es herrscht seitdem eine seltsame Stille, eine völlig ungewohnte Ruhe und die Abläufe des Tages haben sich in den letzten Tagen massiv verändert.

Die kleine Fellkugel, die immer wie ein heller Schatten an und bei mir war und deren Pfoten ich vor wenigen Tagen noch massiert hatte, ist nicht mehr. Zurück bleibt eine zweite, verwirrte, nicht verstehende Fellkugel, die als Geschwisterchen mit der neuen Situation überfordert ist und noch immer wartet, dass der Kleine aus seinem Versteck hinter dem Kasten oder der Waschmaschine hervor kommt.

Und ich schaue zu und hadere mit mir selber. Ich bin unruhig, angespannt und sehr müde, weil zwei Aufgaben auf beiden Seiten des Alltags sind Dinge, mit denen ich generell nicht gut zurecht komme in der Regel. Meine Art des Fokussierens bewältigt meistens nur eine Hürde zur gleichen Zeit, ansonsten komme ich schnell ins Straucheln und rolle mich zusammen, mit fest zusammengeschlossenen Augen und horche heimlich.

Zeitgleich jedoch verspüre ich auch einen Abfall von Last, eine ungewohnte, langsame Ruhe, die mich umhüllt und dennoch, auf eine seltsame, schuldvolle Art und Weise nicht unangenehm ist. Der Kleine war eine große Aufgabe, erforderte jeden Tag auf das Neue viel Zeit, Energie und ebenso viele Nerven, die auch ich nicht immer in eine positive Form wandeln konnte. Die Krankheit, Abmagerung, ständige Verdauungsschwierigkeiten, der Eiertanz mit Tierarzt, Nadeln und der Dosis, das Bangen beim Heimkommen, das Erbrochene im Bett, die aufgerissenen Konservendosen, die zerkratzte Türe, das Jaulen, das Leiden und die Tage, wo ich einfach aus der Wohnung musste, weil ich den Anblick nicht sehen oder auch manchmal nicht hören konnte.

Es ist auch eine neue Form der Bewegung. Nun springt und bewegt sich nichts mehr beim Aufstehen oder beim Aufwachen. Es herrscht Stille. Meine Reaktion ergibt kein Spiegelbild einer biologischen Dynamik mehr, der Schlaf hat sich verändert und plötzlich stehen Türen offen, die vorher fast durchgehend nahtlos verschlossen waren. Essen steht auf dem Tisch und auch dann noch, wenn ich kurz aus dem Raum gehe. Früher hingegen war jedes Aufstehen ein Abenteuer, ein Stress und mit einem Problem behaftet. Und ich weiß nicht, welches Gefühl ich zulassen kann, darf und soll.

Es ist eine Mischung zwischen Traurigkeit, Erleichterung, Frust, Einsamkeit, Losgelöstheit, einem Blick vorwärts und Schuld. Der innere Schwur hat sich dadurch erneut gefestigt – in einer Wohnung werde ich in Zukunft mein Leben lang kein Tier mehr halten, zumindest Keines, das größer als eine Stubenfliege ist. Es ist eine Quälerei, ein Frevel an Egoismus und menschlichen Bedürfnissen der Nähe, die man sich hier einfach abholt und sich nach Lust und Laune bedient. Oder gar gekauft oder sich geschenkt hat.

Liebe mich, um geschätzt zu werden. Liebe mich, um meine selbstlose Zuneigung zu spüren. Liebe mich, um Dir und mir einen Sinn zu geben. Liebe mich, um geliebt zu werden. Liebe mich, damit ich meine eigene Liebe spüre.

Es stößt mich mehr und mehr ab. Und es ist wider der Natur, stellt sich gegen jede Vernunft und Verpflichtung, die man als Mensch erfüllen sollte. Daraus werde und möchte ich für das restliche Leben lernen. Und der Kleinen, jetzt verlorenen und einsamen Fellkugel, die nun alleine im Wohnzimmer sitzt und in die Stille schaut und hofft, die Pfoten stützen.

Die neue Lebenssituation fühlt sich wie das Turnen auf einer Holzplanke an. Ein vertrautes Gefühl unter den Füßen und zugleich schwankt und federt es, kontrolliert und unkontrolliert. Das Wasser darunter lockend und eiskalt zugleich. Man vertraut dem warmen Holz, aber es knarrt und knirscht und nur mit Mühe hält man sich an der Leine und im Gleichgewicht.

Zeitgleich wippt das Schiff des Lebens hin und her, das Wasser schlägt gegen die Planken, glitzert und schäumt etwas, es liegt ein Geruch von Sehnsucht und Weite in der Luft, dabei ruft vom Land die Stille immer wieder herüber und der heimatliche Hafen, der da schon immer war und immer sein wird, strahlt das Gefühl von „Das bist Du“ aus.

Das Leben ist eine Bucht… manchmal zieht einem die Strömung weit hinaus, viel zu weit, man schwebt zwischen Verloren gehen und ertrinken in der Masse der Wassermoleküle hin und her… und manchmal rudert man gegen sie an und kommt trotz der Träumereien und des Willens nicht hinaus in die Weite.

Ein Spiel aus Flut und Ebbe, für eine natürliche Vollkommenheit und das entfaltende Leben bedarf es immer beiderlei. Man lernt.

Meinen digitalen Heimathafen habe ich die letzten Tage auch ein wenig umgeformt, den Sand neu zusammengeschüttet, die Linien der Muster frisch gezogen und vor allem mich wieder vermehrt der Einfachkeit besinnt. Und je trockener und feiner der Sand wird, umso glücklicher bin ich. Ein Sand, der zwischen den Fingern rieseln kann, der nicht klebt, nicht verklumpt und der nach Meer, Salz und Freiheit riecht. Meine Webseite.

Vielleicht stelle ich eines Tages fest, dass die Insel des Lebens gar ihr eigenes Schiff ist und losgelöst im Meer treibt. Es wäre eine unendliche, grenzenlose Freiheit und das Turnen auf der Planke und das immer wieder erneute Hochziehen an ihr wäre dann wohl nur mehr ein Zeitvertreib zum Vergnügen.

Ich höre nun der Musik der Natur zu. Dem Rauschen der Blätter, die sich im Wind wiegen. Wunderschön und das Glitzern der Sonne untermalt dabei jeden Ton und jede Bewegung. Und der Kleine mit seinen rosa Pfoten und dem wissenden Blick… ich vermisse Dich dennoch unglaublich.

Bild: Adelsteen Normann [Public domain], via Wikimedia Commons


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