Sonnenstunden

Zum ersten Mal seit gefühlten Jahren sitze ich nun wieder mit einem kurzärmligen Hemd im Halbschatten unter einem grünen Baum im Grünen und tippe ohne Ziel in die Tastatur. Endlich wieder draußen sein, im Freien unter (ein wenig) blauen Himmel und losgelöst von den vier Wänden aus Beton, Verputz und sonstigen, künstlichen Eingrenzungen des alltäglichen Lebens.

Es ist heiß und kühl im Schatten zugleich, ohne Wind könnte man sich auch in den südlichen Gefilden gedanklich verlieren und dem Gefühlsleben freien Lauf lassen. Es würde sich auch glatt anbieten, hier und da ein wenig auf einer Wiese an einer Gartenlaube zu werken, aber solche örtlichen Raritäten sind kostbar und nicht zu erreichen.

Eigentlich weiß ich nicht wirklich, was es hier nach so langer Zeit wieder zu berichten gibt, denn der Blog war in einem gemütlichen und stressfreien Winterschlaf und der Beruf, der die Teilnahme an dieser Ruhe verhindert, nimmt und kostet Zeit, viel Zeit, die die Tage dadurch kurz und bündig wirken lässt. Da passen an manchen Abenden auch keine wenigen Buchstaben mehr in die kurzen Spalten des restlichen Seins.

Schon wieder also fast ein Jahr, seitdem ich mich in einer neuen Welt beheimatet habe, die es eigentlich nie war und vermutlich auch nie sein wird. Aber man lernt sich zu arrangieren, zu akzeptieren und feilt dabei leise und dezent weiterhin unentwegt langsam an den Stäben vor der Türe, immer bereit und aufmerksam für eine etwaige Flucht.

Einer dieser Stäbe wird eine neue Aufgabe sein, die ich wohl in Kürze nun übernehmen werde. Ich freue mich darauf, sie fordert zugleich Respekt ein und sie wird wieder etwas völlig Neues sein, wo ich mich mit neuen Variablen, Begebenheiten, unbekannten Vokabular und Dingen auseinandersetzen muss, die ich bisher nur vom beiläufigen Sehen kannte und denen ich eigentlich und ehrlicherweise eher mäßige Daseinsberechtigung zugestand. Aber mir wird nun der Spielraum in die Hand gelegt, der es ermöglicht, meine eigene Sparte aufzubauen, zu formen und eigene Ziele zu definieren.

Nun denn. Die nächsten Worte der Vernunft lasse ich dann wieder fließen, wenn ich mehr darüber weiß und mich eingefunden habe. Noch heißt es ja warten und das übliche Hamsterrad treten, sofern also lässt sich da noch nicht philosophieren oder gar räudig darüber schwätzen.

Irgendwie ist es ungewohnt hier in den Blog zu tippen, denn nach der langen Abstinenz und Umzug in das Wiki hier, sowie die leider etwas dürftige Pflege des Textbloges drüben, fühlt es sich ein bisschen wie eine Retrospektive des eigenen Lebens an. Der gleiche Blog, der gleiche Ort und die selben Vögel (mutmaßlich), die in denen Bäumen zwitschern und der selben Kirchturm, der vorne die Uhr schlagen lässt.

Oh, nun doch, eine Kleinigkeit ist anders… die Haare sind tatsächlich lang geworden, ein Zopfband hält sie im festen Griff, sie reichen bereits an und über die Schulter und das kurzärmlige Hemd mit dem Strichmuster lässt mich damit wohl nun endgültig nach eine halbgaren IT-ler aus der alten Computerbranche wirken, der sich in den Park verirrt hat. Aber es ist ok. Ich bin nicht zufrieden mit den Zielen des Lebens, nicht mit dem Weg des Lebens und auch nicht mit dem Umgang damit, aber mit mir selber komme ich mittlerweile recht gut zurecht.

Ich glaube, ich habe gelernt, mich ein wenig zu akzeptieren und definiere auch genauer, was mir gut tut und was nicht. Das ist auf jeden Fall ein Bereich der dauerhaften Entwicklung, den ich positiv in meine geistige Anarchen-Sammlung meiner bisherigen Laufbahn seit dem ersten Atemzug vermerken darf.

Wenn wir schon bei Veränderungen sind… nach langer Zeit, nach vielen Jahren wohlgemerkt, war ich mal wieder in einem Sportgeschäft, wollte meine Fahrradbereifung erneuern, denn die Schläuche haben ihren Druck verloren. Geschuldet wohl auch der langen Lagerzeit im Kofferraum unter wechselnden Bedingungen. Aber auch so ein simpler Vorgang des Kommerz kann eine steinige Herausforderung und Aufgabe sein. Früher bekam man Ersatzschläuche quasi überall – vom einfachen Baumarkt bis hin zum Ramschgeschäft. Heute hingegen muss man sogar im Sportgeschäft danach fragen, ein geheimnisvolles Regal offenbart Reste der Sammlung und es sind auch nur mehr gewisse Größen vorhanden und auch der Mitarbeiter muss überlegen und die Zollmaße ablesen, bedenken und schätzen.

Immerhin bin ich mit 4 Schläuchen, zwei als Ersatz, von dannen gezogen und werde den Nachmittag nun der Pflege und Neubereifung widmen. Aber es ist traurig, dass die Welt des Bastelns und Werkens nicht mehr so leicht zu beglücken ist. Auch die anderweitige Auswahl an Zubehör für den treuen, futterfreien Esel ist mehr als dürftig und recht einseitig. Heute kauft man wohl nur mehr vorgefertigt oder geht zum kleinen Hipster-Geschäft mit der Marken-Präferenz und Retro-Noblesse in ambientaler Form.

Ach ja, da war ja noch eine kleine Last des Lebens, die ich hier kurz loswerden möchte. Im wortwörtlichen Sinn, denn das warme Wetter, das sich nun langsam und zeitweise etwas zögerlich heran pirscht, fordert seinen Tribut, sobald man sich wieder kurze, dünne Leibchen anzieht und feststellen muss, dass man an Form verloren und zugleich aber zugelegt hat. Leider nicht in muskulöser Form, nicht weiter tragisch, denn ein Adonis war ich noch nie, hier liegt genug Gewohnheit des eigenen Anlitzes vor, um sich abgehärtet dem eigenen, geistigen Don Quichotte zu stellen… aber ein wenig Masse um das Zentrum tut einfach nicht gut. Die muss weg, bevor noch ganze Planeten eingefangen werden und sich im Kreisel der Schwerkraft rund um meinen Körper ansammeln.

Also weniger Süßes, weniger Fett. Nicht leicht, denn das berufliche Umfeld mit einer löblich reichhaltigen Kantine schiebt die kleinen Zellen der Zulage munter Gabel um Gabel in den Körper. Standfestigkeit ist notwendig, aber sicherlich nicht mein Steckenpferd. Dazu bin ich zu rebellisch und leiste mir die Ungepflogenheit der Nicht-Beachtung meiner eigenen Vorsätze, um genau diese Haltung später zutiefst und aus voller Überzeugung zu verurteilen.

Gerade schwebte eine kleine Blüte an mir vorbei.

Ein sehr schöner Moment übrigens. Aber mmmmh. Sprachlich irgendwie etwas trocken.

Gerade schwob eine kleine Büte an mir vorbei.

Besser. Und viel feiner, wenn die Sprache meiner Vorstellung folgen würde, aber dazu ist die Gesellschaft nicht bereit. Aber ich mag es, durch die Parklandschaft zu spazieren, den Vögeln zuzuhören und dem Wind zu lauschen, wenn zugleich die innere Stimme mit tiefer Dramatik und schwerer Stimme mit dem Hall eines Orchesters Sprüche formt, dabei hochgezogene Augenbrauen wirken lässt und von sich weisende Hände, die in die Lüfte gehoben werden, während man sich vor Demut des Lebens verneigt…

So schwob diese Blüte gar bunt und fröhlich an mir vorbei,
trog dicken, saftigen Blütenstaub in ihrem Kelch
und dabei verzweifelt ein Bienchen an ihr eifrig sog.

Sinnentleert, aber es macht insgeheim Freude, sich an solchen Dramaturgien der inneren Reden im Sonnenschein zu üben. Und wenn wir schon Anekdoten hier zum Trocknen ausbreiten, dann hat mich der alte Bauchträger im Supermarkt heute zuerst verärgert, aufgrund seiner unnützen Ergänzung einer Tatsache, die sowieso schon ärgerlich war, aber die sich im Nachhinein beim Nachdenken darüber sehr belustigend darstellt.

Denn er konnte es nicht lassen, die nicht vorhandene Kassiererin an der Kasse lautstark mit der Regierungsarbeit zu vergleichen, die dieses Schauspiel schon seit Jahrzehnten gekonnt und leistungsstark auf die Bühne bringt. Eine klassische, österreichische Form der Rebellion. Einmal im Supermarkt aufstapfen und man hat seine Pflicht als Bürger getan.

Prost, ich trinke nun köstlichen Saft aus der Marille.

Es ist Sommer.