Das Turnen auf den Holzplanken

Seinen Heimathafen zu finden, ist wohl so ziemlich die schwierigste Aufgabe, der man sich als Mensch vermutlich stellen kann. Zumindest sage ich mir das, während ich gerade in den blauen Himmel schaue, neben mir ein strahlendes Blätterdach, das in einem satten, hellen Grün mit etwas Schattenspiel aufleuchtet und vor mir eine trockene Wiese, die in der Sonne mit den Farben ihrer Blüten spielt. Währenddessen versuche ich in mir die Ruhe zu finden, die sich in den letzten Wochen etwas verlaufen hat und vom Weg abgekommen ist.

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Dichte Tage, vollgestopft mit seltsamen Begriffen, komplexen Abläufen und das Alles in einem ungewohnten, völlig neuen Terrain, in den man vorsichtig einen Schritt vor den Anderen setzt, immer ein Auge nach rechts und links werfend. Ein neuer Job. Der interessanterweise mehr an Lernen und Aufmerksamkeit verlangt, als in all den Bisherigen, wo ich mehr oder weniger eigentlich immer schlicht und ergreifend meine bestehenden Erkenntnisse und Wissensspuren des Lebens einsetzen und ausspielen konnte. Zum ersten Mal jedoch nützt das nichts und ich beginne bei null, ganz am Anfang. Spannend und anstrengend zugleich.

Aber das Leben besteht aus dauerhaften Umbrüchen und das auch immer dann, wenn man damit nicht rechnet. Der Tod hat sich auf unangenehme Weise herangeschlichen, sein ausnahmsloses Werk im Umkreis eines nahen Menschen vollendet und schlussendlich auch bei mir in der eigenen Wohnung. Es herrscht seitdem eine seltsame Stille, eine völlig ungewohnte Ruhe und die Abläufe des Tages haben sich in den letzten Tagen massiv verändert.

Die kleine Fellkugel, die immer wie ein heller Schatten an und bei mir war und deren Pfoten ich vor wenigen Tagen noch massiert hatte, ist nicht mehr. Zurück bleibt eine zweite, verwirrte, nicht verstehende Fellkugel, die als Geschwisterchen mit der neuen Situation überfordert ist und noch immer wartet, dass der Kleine aus seinem Versteck hinter dem Kasten oder der Waschmaschine hervor kommt.

Und ich schaue zu und hadere mit mir selber. Ich bin unruhig, angespannt und sehr müde, weil zwei Aufgaben auf beiden Seiten des Alltags sind Dinge, mit denen ich generell nicht gut zurecht komme in der Regel. Meine Art des Fokussierens bewältigt meistens nur eine Hürde zur gleichen Zeit, ansonsten komme ich schnell ins Straucheln und rolle mich zusammen, mit fest zusammengeschlossenen Augen und horche heimlich.

Zeitgleich jedoch verspüre ich auch einen Abfall von Last, eine ungewohnte, langsame Ruhe, die mich umhüllt und dennoch, auf eine seltsame, schuldvolle Art und Weise nicht unangenehm ist. Der Kleine war eine große Aufgabe, erforderte jeden Tag auf das Neue viel Zeit, Energie und ebenso viele Nerven, die auch ich nicht immer in eine positive Form wandeln konnte. Die Krankheit, Abmagerung, ständige Verdauungsschwierigkeiten, der Eiertanz mit Tierarzt, Nadeln und der Dosis, das Bangen beim Heimkommen, das Erbrochene im Bett, die aufgerissenen Konservendosen, die zerkratzte Türe, das Jaulen, das Leiden und die Tage, wo ich einfach aus der Wohnung musste, weil ich den Anblick nicht sehen oder auch manchmal nicht hören konnte.

Es ist auch eine neue Form der Bewegung. Nun springt und bewegt sich nichts mehr beim Aufstehen oder beim Aufwachen. Es herrscht Stille. Meine Reaktion ergibt kein Spiegelbild einer biologischen Dynamik mehr, der Schlaf hat sich verändert und plötzlich stehen Türen offen, die vorher fast durchgehend nahtlos verschlossen waren. Essen steht auf dem Tisch und auch dann noch, wenn ich kurz aus dem Raum gehe. Früher hingegen war jedes Aufstehen ein Abenteuer, ein Stress und mit einem Problem behaftet. Und ich weiß nicht, welches Gefühl ich zulassen kann, darf und soll.

Es ist eine Mischung zwischen Traurigkeit, Erleichterung, Frust, Einsamkeit, Losgelöstheit, einem Blick vorwärts und Schuld. Der innere Schwur hat sich dadurch erneut gefestigt – in einer Wohnung werde ich in Zukunft mein Leben lang kein Tier mehr halten, zumindest Keines, das größer als eine Stubenfliege ist. Es ist eine Quälerei, ein Frevel an Egoismus und menschlichen Bedürfnissen der Nähe, die man sich hier einfach abholt und sich nach Lust und Laune bedient. Oder gar gekauft oder sich geschenkt hat.

Liebe mich, um geschätzt zu werden. Liebe mich, um meine selbstlose Zuneigung zu spüren. Liebe mich, um Dir und mir einen Sinn zu geben. Liebe mich, um geliebt zu werden. Liebe mich, damit ich meine eigene Liebe spüre.

Es stößt mich mehr und mehr ab. Und es ist wider der Natur, stellt sich gegen jede Vernunft und Verpflichtung, die man als Mensch erfüllen sollte. Daraus werde und möchte ich für das restliche Leben lernen. Und der Kleinen, jetzt verlorenen und einsamen Fellkugel, die nun alleine im Wohnzimmer sitzt und in die Stille schaut und hofft, die Pfoten stützen.

Die neue Lebenssituation fühlt sich wie das Turnen auf einer Holzplanke an. Ein vertrautes Gefühl unter den Füßen und zugleich schwankt und federt es, kontrolliert und unkontrolliert. Das Wasser darunter lockend und eiskalt zugleich. Man vertraut dem warmen Holz, aber es knarrt und knirscht und nur mit Mühe hält man sich an der Leine und im Gleichgewicht.

Zeitgleich wippt das Schiff des Lebens hin und her, das Wasser schlägt gegen die Planken, glitzert und schäumt etwas, es liegt ein Geruch von Sehnsucht und Weite in der Luft, dabei ruft vom Land die Stille immer wieder herüber und der heimatliche Hafen, der da schon immer war und immer sein wird, strahlt das Gefühl von „Das bist Du“ aus.

Das Leben ist eine Bucht… manchmal zieht einem die Strömung weit hinaus, viel zu weit, man schwebt zwischen Verloren gehen und ertrinken in der Masse der Wassermoleküle hin und her… und manchmal rudert man gegen sie an und kommt trotz der Träumereien und des Willens nicht hinaus in die Weite.

Ein Spiel aus Flut und Ebbe, für eine natürliche Vollkommenheit und das entfaltende Leben bedarf es immer beiderlei. Man lernt.

Meinen digitalen Heimathafen habe ich die letzten Tage auch ein wenig umgeformt, den Sand neu zusammengeschüttet, die Linien der Muster frisch gezogen und vor allem mich wieder vermehrt der Einfachkeit besinnt. Und je trockener und feiner der Sand wird, umso glücklicher bin ich. Ein Sand, der zwischen den Fingern rieseln kann, der nicht klebt, nicht verklumpt und der nach Meer, Salz und Freiheit riecht. Meine Webseite.

Vielleicht stelle ich eines Tages fest, dass die Insel des Lebens gar ihr eigenes Schiff ist und losgelöst im Meer treibt. Es wäre eine unendliche, grenzenlose Freiheit und das Turnen auf der Planke und das immer wieder erneute Hochziehen an ihr wäre dann wohl nur mehr ein Zeitvertreib zum Vergnügen.

Ich höre nun der Musik der Natur zu. Dem Rauschen der Blätter, die sich im Wind wiegen. Wunderschön und das Glitzern der Sonne untermalt dabei jeden Ton und jede Bewegung. Und der Kleine mit seinen rosa Pfoten und dem wissenden Blick… ich vermisse Dich dennoch unglaublich.

Bild: Adelsteen Normann [Public domain], via Wikimedia Commons