Rollende Bucht

Es liegt Meeresgeruch in der Luft. Er weht gerade mit einer salzigen Note über die Landschaft, wirbelt den Staub am Weg daneben auf und lässt die länger werdenden Haare verwildert zurück, während die Sonne zugleich fröhlich durch sie hindurchblitzt und der blaue Himmel mit seinen zarten Wolkenfäden das gesamte Bild abrundet. Ein Sommertag… mit einer frischen, angenehm warmen und würzigen Note. Auch Brise trifft es gut.

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Ich bin nicht weit gekommen, habe ich mich in ein paar Gedanken verloren, gelesen, dann ein wenig gegessen, danach wieder in Gedanken verloren, bis ich mich endlich aufgerafft und der Wirklichkeit gestellt habe – das Leben spielt im Blätterrauschen seine Musik, ebenso in der Wärme des Sonnenlichtes und den bunten Blumen, die sich wie eine eingefärbte Milchstrasse über das dunkle Grün des Universums – oder ist es doch der Rasen – erstrecken.

Wohlgemerkt war ich aber dennoch nicht ganz unfleißig heute, denn bereits als die Amsel das Morgenlicht noch kräftig und laut rufend begrüßte, stapfte ich bereits einen Waldweg hinauf, weiter zu einer kleinen, bereits vertrauten Ruine und blickte dort in die weite, noch leicht rötlich erleuchtete Landschaft. Ein Traum, keine Frage – aber dennoch wollte ich heute nicht zu lange bleiben, ohne das Warum genau selber beantworten zu können.

Aber es ist auch schließlich ein Sonntag, somit der Tag der Familie, der Tag der Kommunikation und man mag es wenden oder drehen wie man will… auch die schönste Verlockung der frischen, stillen Fauna und Flora verliert bei Kinderwagenrollen-Gequietsche, Zigarettengeruch, Handyklingel-Tönen und anderen, menschlichen Unsitten, sehr schnell und ungebremst seinen tiefgehenden Zauber.

Also habe ich das einzig Richtige getan und bin nicht noch tiefer im Wald verschwunden, sondern stattdessen wieder heimwärts gerollt, habe erneut meine Gedanken gesammelt und bin nun in fürstlicher Manier in den hiesigen Schlosspark spaziert, ganz gemütlich und entspannt. Man gönnt sich ja sonst nur wenig.

Auch wenn es sogleich ein grotesker Widerspruch ist. Denn so ein Park ist natürlich erst recht ein Hort der menschlichen Auswüchse in all seinen bunten Formen, aber es ist auch weniger schmerzhaft, denn die geraden Linien der umrandeten Wiesenflächen, die geschwungenen Blumenmuster und der stattliche Kirchturm, der gerade wohlweislich nicht zum Mittagessen läutet, aber eigentlich dennoch insgeheim diese Funktion erfüllt… das Alles ist so unnatürlich, dass erst die Menschen die Szenerie lebendig formen. Im Wald braucht man das nicht.

Hier ertrage ich also die Massen, die sich verlaufenden Touristen und die Familien mit ihren flügge werdenden Kleinkindern, die wie pelzige Jungtiere über die gesperrten Flächen laufen und da und dort mal schreiend stolpern und daraufhin wie Fische an der Leine eingeholt und emsig dabei abgelichtet werden. Aber man erwartet sich hier ja auch nichts anderes, es sei denn, man ist ein beherzter Narr und verschließt sich der Realität mit Vorsatz.

Und so sitze ich da. Um mich ein Gewirr an deutschen, englischen, italienischen und russischen Sprachfetzen, der Geschmack von Kulturen und Reise zergeht dabei auf den Zungen und Lippen, Menschen mit Tüchern, Jacken oder knappe Sommerkleidern, wehenden Haaren und tropfende Schweißperlen stolpern ziellos, aber strebsam vorbei und ich tippe diese Zeilen, während ich diese Menschen und ihre Muster bewerte, zugleich umflogen von einer kräftig leuchtenden Wespe, die mich irgendwie an Alice im Wunderland denken lässt… sie passt hier wohl auf, dass Alles mit den rechten Dingen zugeht, denn das Schloss und seine Königin muss schließlich bewahrt und geschützt werden – und man weiß ja nicht, ob mein kleines Pizzastück nicht doch auch von einem Pilz mit seinen magischen Fähigkeiten stammen könnte. Die Gute, sie ist harmlos.

Während ich gerade der Erzählungen einer deutschen Reiseführerin neben mir lausche und mehr als je zuvor über die bedeutsame und gelebte Geschichte des Palmenhauses lerne, glimmen andere Gedanken geruhsam vor sich hin. Das liebe, treue Gefährt mit seinen vier Rädern ist da eines von diesen kleinen Lichtern des eigenen Seins.

Man muss sich ja nämlich irgendwie eingestehen, dass Manches zwar aufschiebbar, aber nicht unbedingt förderlich ist. Ein Quietschen da, ein Knarzen dort, ein Rumpeln auf der Seite und ein Surren auf der Anderen… es gibt wohl viele Stellen, die es endlich zu verwöhnen gilt. Aber gar arg teuer ist es schon, dieser fürstliche Luxus der heute üblichen Mobilität. Immerhin ohne Dampfkessel.

Unabhängig davon, was die nächste Zeit so bringt und auch losgelöst von der sich ständig ändernden, wälzenden Strömungsrichtung dieser Lebensbucht, in der gerade das Boot aufgrund meiner tollkühnen und zugleich unnützen Neugierde ankert, habe ich für mich auf jeden Fall reiflich und gut bedacht beschlossen, dass so ein Fahrzeug – vor allem ohne Hund mit seinem Hang zu den grünen Oasen der Landschaft und ohne täglicher Pflichtkür im Alltag – einfach keine gute Wertanlage ist, auch geistig in seiner materiellen Form.

Es erinnert mich fast an das Gartenhaus in einem kleinen, eigenen Schlossgarten, darin ein Rasenmäher, der einmal im Jahr des guten Willens wegen abgestaubt und anschließend die drei Runden gefahren wird, obwohl man das Gras eigentlich wachsen lässt, denn Schmetterlinge sind so viel schöner bei ihrem Liebestanz zu betrachten, als das gar arg geköpfte Gänseblümchen zwischen den abgestorbenen Blättern. Man hat es, um zu haben, ohne es wirklich zu brauchen. Wozu hat man zudem auch Personal?

Natürlich hadere ich, natürlich stehen sich hier Herz und Vernunft gegenüber und duellieren sich klirrend mit dem Degen – gekonnt, mehr Schauspiel als Wut, während der stille Betrachter auf der Parkbank daneben still den Kopf schüttelt und mit zarten Linien sein Gemälde auf der Staffelei abrundet. Er weiß, dass nur Kompromisse und ein fester Handschlag den Frieden dauerhaft sichern können.

Denn einem Tod folgt der Nächste nach, das war immer schon so im Lebensrad und bestimmt den Kreislauf der Natur. Dem stellt man sich deshalb nicht entgegen, wenn man es verhindern kann und solange auch die Vernunft noch sprechen kann.

Wie auch immer das Schicksal hier demnächst grundsätzlich entscheiden wird, in der nachfolgenden Zukunft werde ich mit klopfendem Herzen wohl doch die Weisheit walten lassen und als Behauser der hiesigen Betonwaben namens Großstadt, stattdessen auf weniger Pferdestärken und Bereifung setzen. Etwas Italienisches oder auch Koreanisches – die kommen heutzutage sowieso aus dem gleichen Stall – gepaart mit ein wenig an südlichem Innenstadt-Flair. Zweirädrig, einfach gebaut, keine Parkplatznot mehr in den warmen Tagen des Jahres, deutlich nützlicher und so wendig sowie flexibel im Alltag, wie der Wind, der hier die Gedanken auf der Wiese verteilt. Und bei Eis und Schnee schläft es sparend im Stall.

Für das nähere Umland noch ausreichend, ist das weite Land damit natürlich nicht mehr so greifbar, wie hier ein Schlosspark, aber in unserer aufgeschlossenen Gesellschaft besitzt man schließlich nicht nur mehr Luxusgüter, sondern teilt oder vermietet sie auch gönnerhaft – der billige Kommerz kennt auch in der gehobenen Schicht kein Halten mehr. Punktuell lässt sich damit also immer bei Bedarf etwas Muse frönen und ansonsten umschifft man Stau und Platznot – und spart viel Silber stattdessen für die echte, begehbare Küste und eine salzige Brise, die man dann auch schmecken kann.

Außerdem möchte ich mal wieder eine Muschel im Sand finden.

Abseits dieser Beschlüsse und der Beglückung für eine ferne Zeit, gibt es auch Erfreuliches, das bereits greifbar ist – nach langer Zeit konnte ich mein Selbst wieder überwinden und verschenkte sogar ein wenig viel Lebenszeit in digitale Konfigurationen – und lebe nun wieder eine etwas verblasst Erinnerung aktiv aus, die schon 1988 entstand… ein IRC-Channel ist dem Retro-Kellerlicht entschlüpft und ein gefühlt steinalter Bouncer lässt sein Herz hinter dem Holzregal munter schlagen und damit in Form von Buchstaben – fast wie mit der Wählscheibe damals – weit hinaus in die Welt telefonieren.

Da wird nach Deutschland geschrieben, aber auch nach Frankreich oder in Schweden gelesen. Eine feine Sache, denn es regt den Verstand und Geist an, hält die manchmal müde wirkende, digitale Laune erneut auf Trab, stimmt sie fröhlich und erweitert die Spielwiese für den kindlichen Trieb. Ein wichtiger Punkt, um die verschlungenen Gänge im eigenen Kopf weiter hell auszuleuchten und ihnen ihre Dunkelheit zu rauben…

Aber es ist nun Zeit, der Wind frischt auf, die Augen werden etwas trübe und der unausgelebte Nachmittagsschlaf ruft – ich muss Menschen schauen und sie weiter ergründen.

Die einen gehen zum Staunen ins Palmenhaus daneben, die Anderen in den Tiergarten und lachen dort über den traurigen Affen… und ich sitze auf der Parkbank davor und schaue mir ihre Muster an. Nicht nur die der schönen Sommerkleider und deren unterschiedlicher Herkunft, sondern auch die ihrer Köpfe, Zöpfe und Bewegungen.

Bildausschnitt: Adolph Treidler, 1886-1981, Artist (NARA record: 8452188) (U.S. National Archives and Records Administration) [Public domain], via Wikimedia Commons