Lichtwurzel

Nun stellen sich natürlich mehrere Fragen. Was mache ich so? Warum hat sich hier im Blog schon wieder etwas geändert? Was bewegt mich? Also all jene Fragen, deren philosophische Ausformulierung und Darlegung in einem egozentrischen Kontext kaum je zur allgemeinen Befriedung beantwortet werden können bzw. auch nicht müssen, denn die Fragestellung entspringt dem eigenen Spiegelbild, das sich mehr und mehr über die Eigenreflexion wundert und sich zudem die Frage stellt, woher man denn eigentlich weiß, ob das, was man sieht, nicht ein Spiegelbild eines anderen Spiegelbildes ist, das sich in unendlicher Reflexion unendlich oft in einer Schleife wiederholt?

Spiegelbilder haben ja zudem die Eigenschaft, auch in der Wahrnehmung seiner Selbst die falsche Seite zu zeigen, also eben ganz klassisch spiegelverkehrt zu sein – geht man jedoch der vorherigen Spur weiter, dann würde ein erneutes Spiegelbild wiederum die richtige Seite seiner Person zeigen… sofern man überhaupt weiß, wo nun welches Spiegelbild das Erste seiner Art ist. Bei einer rein wissenschaftlichen Selbststudie würde ich sagen, dass es hier vermutlich meinerseits einen gewissen fortlaufenden Wahrnehmungsverlust gibt und die Einschätzung der realen Position innerhalb der Kette wahrscheinlich recht schwierig ist. Ich vermag es nicht zu sagen, hinterfrage mein Ich ja ständig und streife dabei mit der Fingerkuppe über das leicht staubige Glas… Trotz aller profanen, wissenschaftlichen Grundsätze – könnte es nicht sein, dass in der gleichen Sekunde auch ein Gegenüber, mein Ich, ebenfalls dieses Spiegelbild betrachtet und berührt?

Spannend sind ja generell die Theorien und Philosophien über unser Universum, in dem wir in sich gestülpt mehrfach vorkommen sollen und es mehrere Zeitlinien zur gleichen Zeit geben könnte, in der wir zwar überall ident sind und gleich agieren, aber zugleich auch an verschiedenen Zeitpunkten auf der selben Achse das Dasein ausleben. Dieses punktuelles Zeitschema also, wo man einerseits in der Geburtsphase steht, zugleich in der aktuellen Zeit und im Tod ebenso… und diese Zeitlinie, die damit eigentlich ein Punkt ist, der sich selber mehrfach überdeckt, springt von Sekunde zu Sekunde in der eigenen Wahrnehmung zwar weiter, dabei ist jedoch jeder gefühlte Moment nur eine Momentaufnahme irgendwo in einem dieser Punkte. Gut, es ist komplex, auch seltsam und man darf nicht all zuviel darüber nachdenken, denn es kann einem durchaus bei längerer Betrachtung den Atem entziehen und das Herz laut schlagen lassen, so dass man unerwartete Ängste erweckt, die sich aufgrund der Größe der Fragestellung aufbäumen.

Wie dem auch sei, wenn es – egal bei oder zu welchem Zeitpunkt – Etwas gibt, das uns Humanoide auszeichnet, ist, dass wir auf jeden Fall ganz automatisch unser Spiegelbild so interpretieren, als wäre es „das“ gültige Abbild unseres Selbst. Das was wir sind. Das gilt auch für den Gegenüber, den Gesprächspartner, der in biologischer Form naturgemäß den Betrachtungswinkel des Spiegels erfährt und dadurch das menschliche Antlitz mit all seinen hellen und dunklen Momenten, Gedanken und die des Wesens selber, somit quasi wie spiegelverkehrt sieht und deshalb auf dieser Darstellung interpretiert.

So neigen wir weiters dazu, uns eben auf die flächige, einfache Darstellung zu beziehen und daraus „unsere“ Wertvorstellungen des Anderen festzulegen. Sich allerdings tatsächlich in den Gegenüber mal zu versetzen, gelingt fast niemanden und ist wohl ähnlich schwierig für die Meisten, wie der Versuch, die Sicht aus der Welt einer Katze vollumfänglich zu visualisieren und Entscheidungsstränge ihrerseits nachvollziehen zu können. Es gelingt nicht und bleibt dann, wenn überhaupt, immer nur eine Annäherung.

So weit jedoch nichts Neues, denn dies ist schlicht und ergreifend allgemein gültiges Daseins-Wissen, das nun mal den Menschen auszeichnet und auch die sozialen, alltäglichen Strukturen formt. Aber es birgt durchaus auch Frust in sich, speziell in der Erkenntnis, dass das Infragestellen der eigenen Wahrnehmung bei Vielen nicht weiter als bis zur Spiegelfläche zumeist geht (und auch nur gehen kann) und Rückschlüsse daraus somit auch einfach als manifestiert und allgemein gültig akzeptiert werden.

Man ist und bleibt für den Gegenüber eben schlicht und ergreifend nur eine Art Spiegelbild und wird als solches gesehen. Das richtige Abbild bleibt für den Anderen immer irgendwie verkehrt und in den Köpfen vieler auch „verwehrt“, speziell bei Menschen, die generell nur selten in der Lage sind, in andere Köpfe zu schlüpfen und wie eine Lebensform sich symbiotisch in das Zellgefüge und somit den Blickwinkel des Anderen einzuleben und die gleiche Atmung, den gleichen Herzschlag und die gleiche Interpretation des Lebens aufzufassen und zu erspüren. Empathie ist keine Beobachtung oder gar Interpretation, sondern Empathie ist ein stilles Spüren und durch die Augen des Anderen sehen.

Nun gut, es bleibt ein Gedankenschema, das man nun natürlich zwar ausführlich in Texten jetzt weiter behandeln kann, aber die wahre Lösung, das symbiotische Verknüpfung von Menschen und ihren Sichtweisen, ist wohl ein Kunststück, das also kaum jemand bewältigt. Vermutlich muss hier auch die Natur das Konzept der Konkurrenz und Gegensätzlichkeit sowie des Unverständnis zur Entfaltung ihrerseits leben lassen und unterbindet solche Möglichkeiten der Gemeinsamkeiten von Grund auf.

Die spannende Frage ist ja, ob der gelebte Sichtweisenunterschied bzw. zugleich auch der symbolische Konkurrenzkampf auf der biologischen Ebene sich mit den gelebten Konzepten der Humanoiden in Einklang bringen lässt? Könnte es eine gleichberechtigte oder sogar und ganz gewagt eine friedliche Natur geben? Geht man nach unserem Wissensstand der heutigen Zeit… dann wohl nicht, denn erst der Gegensatz und Kampf um das Leben hat erst all die schönen Seiten und die Vielfalt des Lebens an sich hervorgebracht. Womit es eigentlich wiederum eine Koexistenz ist, die sich gegenseitig braucht. Man braucht das falsche Bild (vermutlich).

Eigentlich weiß ich nicht genau, was ich ursprünglich hier noch weiter in Worte fassen wollte, sie sind mir mittlerweile und unterwegs entfallen und deshalb ziehe ich mit meinem Buchstaben-Rucksack jetzt mal ein Stück weiter und entpacke die nächste Butterpapier-Stulle mit neuen Sätzen…

Ich bin ja mittlerweile zum Schreiben am späten Nachmittag und Abend im Alltag in das kleine Zimmer meiner Wohnung gewandert, also „hinfort gezogen“ und habe das Wohnzimmer dem Tagesgeschehen überlassen. Es ist für mich wichtig geworden, zu trennen – zwischen privatem Leben und dem Spiegelbild da draußen, das Andere sehen und mit dieser anderen Ich-Gestalt auch agieren (müssen). Dabei blicke ich nun direkt aus dem Fenster vor mir… ungewohnt.

Als ich eingezogen bin, vor mehr als 15 Jahren mittlerweile, war der kleine Baum ganz unten im Hinterhof noch unscheinbar, fast lieblich und auch wenn ich einem Tannengewächs eigentlich nur auf einer Hochebene oder in einem Wald etwas abgewinnen kann, denn mir fehlt da das saftig Leuchtende, war er doch ein Element der gesamten Form und Gestaltung dieses kleinen Areals mitten in der Großstadt, von deren Existenz wohl auch nur die unmittelbaren Bewohner überhaupt wissen – sofern sie es überhaupt interessiert, was ich recht umfangreich bezweifle.

Heute ist mir dabei zum ersten Mal bewusst geworden, dass dieser Baum sich recht ordentlich entwickelt hat, gewaltig eigentlich und mittlerweile eine Dominanz aufgebaut hat, bei der die anderen Gewächse nicht mehr mithalten können. Er stellt sozusagen den Kern des Hinterhofes dar und sein Wipfel überragt nun schon das Nachbardach. Wohlgemerkt in einer Gegend, in der alte Gemäuer – noch aus der Kriegszeit und davor – generell übermäßig hoch in den Himmel ragen und deren Bewohner innen sogar Stabhochspringen können, wenn sie es denn wollen würden.

Das Tannengewächs hat sich also entwickelt, es überragt mittlerweile die Umgebung und tankt dadurch Sonnenstrahlen, die zuvor in der Form nie möglich und erreichbar waren. Der große Baum. Die Reifung, Zeit und Geduld hat dazu geführt, dass er sein Selbst nun mit dem Wind in alle Richtungen tragen, die Welt dabei erforschen und entdecken kann. Als einziger seiner Art in dem Hof hier, blickt er auch in keinen Spiegel, er kann sich an nichts messen oder mit Etwas vergleichen… außer vielleicht am kleinen Kirschbaum, der jedoch mittlerweile nur mehr die unteren Äste knapp berührt und schon lange da weiter unten vergessen ist.

Für mich liegt hier eine kleine Bedeutung begraben oder sagen wir vielleicht besser: gewachsen. Bestrebt einzig und alleine, sich nach oben zum Licht zu recken, um sein Ziel der Verwirklichung zu erreichen – wachsen und aufblühen. Dazu nimmt und braucht er kein Spiegelbild, auch keine Orientierung an Anderen – sondern er nimmt seinen Lebensplan, den er in sich trägt und führt ihn aus. Konsequent, ohne Schwäche, ohne Selbstzweifel, ohne Vergleich zu Anderen. Ihn berührt es nicht, wenn ein paar Kilometer weiter im echten Wald eine noch größere Tanne steht, er weiß es auch nicht und muss es auch nicht wissen. Er trotzt dennoch den ungewohnten Widrigkeiten von Beton und Lichtarmut. Er beherbergt – nach dieser Zeit – nun genug eigenes Leben… die Vögel, so wie die Amsel, die früh am Morgen und spät am Abend den Hof mit kugelförmigen, in sich gedrehten und gefalteten Tönen auffüllt, die Ameisen, die den Baum in einer Kette wie Gebirgswanderer am Seil emporstapfen und der ihnen als eigenes Universum erscheint, ebenso die Käfer und die Fliegen, deren Lebenszentrum er nun geworden ist. Er hat sich zu einem Wald gemausert.

Ich hingegen fühle mich manchmal wie der Kirschbaum, der sich stattdessen einen Spiegel daneben aufgestellt hat und sich immer wieder die Frage stellt, ob die Kirschblüte rechts auf seinem Kopf ausreichend groß ist und was man tun kann, damit sich beide Hälften des Selbst auch gleichmäßig entwickeln, damit der Spiegel schlussendlich ein ebenmäßiges Bild zeigt, wo es egal ist, wo eigentlich rechts und links ist. Farbenkräftig, umfangreich, in voller Pracht blühend, jeden Saft des Lebens in die Triebe mit ihren Blüten steckend und gleichförmig… damit ihn niemand falsch sieht. Aber es gelingt immer weniger und die Sonne zum Wachsen und Blühen entschwindet zusehends.

Aber gut, der Kirschbaum in seiner biologischen Form selber kann natürlich nicht anders, denn er ist so groß, wie er geschaffen wurde, er kann die Tanne nicht überragen. Der humanoide Kirschbaum aber ist in der Lage, genetisch eigentlich ein Wunder, sich selber so groß sein zu lassen und zu werden, wie er selber möchte. Natürlich gibt es auch da Winde, Stürme, einen Blitzschlag, trockene Erde, zehrende Käfer oder einen Schnitt am Stamm mal da und dort, aber er kann dennoch selber seine Wurzeln legen und über sein Wachstum entscheiden.

Ich drücke mit der Fingerkuppe ein wenig auf die Spiegelfläche, versuche die andere Kuppe gegenüber einzudrücken, blicke mir dabei in die Augen des Abbild meinerseits, während die Oberfläche des Glases sich leicht einwölbt. Ich werde nie gleich sein, da kann ich jede Blüte zurechtrücken, wie ich mag, ich kann unendlich Saft in die zarten Blätter pumpen und sie in der wenigen Sonne kurz aufleuchten lassen, aber dennoch werden sie beim nächsten Windstoß davonflattern wie Schmetterlinge und vergänglich kurze Zeit später zu Boden gleiten. Und ich nackt und unförmig zurückbleiben.

Ich habe in der Zwischenzeit vergessen, den Stamm selbst wachsen zu lassen, ich habe vergessen, einfach nach oben zu schauen und ich habe vergessen, dass das Ziel nicht in Millionen an vergänglichen Details liegt, sondern in der Einfachkeit der eigenen Wurzel und des Stammes, der zum Licht strebt.

Die Tanne war ursprünglich eigentlich fad, unaufgeregt, etwas dunkel halt, wie sie so sind, die Tannen… Die wunderbaren Details entstehen aber jetzt erst – durch das Sonnenlicht auf dem Wipfel, mit den Tieren, dem Leben, der Bewegung der hohen Äste, die sanft wie Wellen im Wind auf und ab schwingen, manchmal sich fast kräuseln und dann wieder weiter oben die Welle bei den kurzen Ästen wie auf einer Sandbank durchbrechen. Erst jetzt, heute, verströmt er einen Hauch von Wald, von Natur, von echtem Leben, von Beständigkeit, von Wertigkeit und dem Widersetzen der Schacht-ähnlichen Umgebung aus Stein, Beton und humanoiden Formgestalten.

Bis heute mache ich den Fehler, dass ich selber lieber in den Spiegel schaue und glaube, dass man dahinter eine weitere Welt betreten oder erkennen kann oder dass es notwendig ist, den Gegenüber darauf aufmerksam zu machen, dass links nicht rechts ist, rechts nicht links und auch nicht umgekehrt und bin zu sehr bemüht, das Abbild meiner selbst immer wieder auf eine Neues zu beschreiben, in der Hoffnung, dass ich nicht nur als spiegelverkehrte Reflexion wahrgenommen werde. Dabei sollte ich den Spiegel eigentlich schon lange weglegen, denn ich sitze noch immer in diesem Schacht und das Licht ist noch immer oben bei den Dächern… Da helfen mir all die kleinen, bunten Blüten rund um mich und in meiner Hand nicht viel, denn die verwelken schnell oder verteilen sich unerreichbar um mich herum.

Ein Baum kann nicht vor sich selber flüchten, weil er fest verwurzelt ist – daran braucht man nicht Zweifeln, es ist ein Gesetz der Natur, ein Baum kann sich selber auch nicht umtopfen… probiert er es, dann stürzt er um. Auch ein Mensch kann ebenso nicht seine Wurzeln mal eben aus dem Topf des Lebens ziehen und nach Lust und Laune in einen anderen Topf steigen… aber er kann stattdessen wachsen, reifen und sich formen. Ob da ein Ast dicker oder dünner ist, ist zudem auch egal, ebenso ob er sich etwas neigt oder einen Knick in sich trägt… auch das ist nicht wichtig.

Er kann jedoch nach oben wachsen, zum Licht, zu den Luftströmungen, zu den Vögeln und somit zum Baum des Lebens werden.

Ich habe zu fest gedrückt, das Spiegelbild trägt plötzlich einen Sprung in sich. Es ist zerbrechlich, es ist kalt und es ist flach. Es ist nur ein Abbild, ein Abbild von vielleicht Vielen, aber das Ich dessen, das bin ich selber. Hier in meinem Topf. Und das Licht ist oben.

Stellt man übrigens viele Spiegel hintereinander und gegenüber auf, dann vermag man zu erkennen, wie der visuelle Schlauch der Reflexionen immer dunkler und dunkler wird. Die Farbenpracht und das Leuchten verliert sich mehr und mehr. Physikalischer Verlust. Dort gibt es also keine weitere Erkenntnis zu finden und jedes Spiegelbild, egal ob rechts oder links gedreht, ist ja zudem auch noch zusätzlich immer nur die Kopie des Anderen.

Entwickeln kann man sich so nicht, dazu ist der Spiegel der falsche Ratgeber. 🙂

Im übrigen, wenn wir schon über solche Reflexionen sprechen… es ist hier ein aktuelles Abbild verloren gegangen. Es gab einen Update- und daraufhin einen Backup-Fehler, die letzten Beiträge sind dadurch weg und auch das vorherige Layout so wie viele andere Dinge sind in den dunklen Gängen der elektrischen Einheiten verschwunden und waren nicht mehr auffindbar und die Sicherung zu alt, wie man visuell sieht. Aber ist schon ok.