Goldschaum im Holzbecher

Wenn man denn eines lernt im zittrigen Leben, dann ist es unehrlich zu sein. Vermutlich bekommen wir schon von Kindesbeinen an mit, dass sich die Ehrlichkeit nur selten auszahlt, denn das offensichtliche Geschwurbel von „Alles kommt im Leben zurück“ betrifft nur die Kleingeister, die darüber fachgerecht und philosophisch sinnieren und ansonsten ängstlich in den Büchern des Wissens vor der Welt verstecken. Derjenige, der sich nicht länger als eine kleine Melange, die er in einer Bewegung hinabstürzt, Gedanken um diese Dinge macht, lässt sich selten von diesen Dingen einholen oder gar umgarnen. Er lebt einfach, er nimmt, er mordet.

Als Jüngling des Lebens, also in der Zeit, in der man sich selber überschätzt und damit auch durchwegs Erfolg haben kann, weil es der Gegenüber zwar weiß, aber zugleich sich allzu gerne blenden lässt und es auch bewusst toleriert, verschwendete ich da nicht besonders viel Zeit mit diesen gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Es entspricht nicht der Natur oder gar dem Wesen des Menschen. Es fügt sich, wenn überhaupt, nur atypisch in unser Leben ein.

Man stelle sich gar vor, wie der Fuchs zur Gans schreitet und sich dafür mit viel Balsam entschuldigt, dass er so umtriebig um den Stall streicht. Sie dürfe es nicht persönlich nehmen, wenn er sie plötzlich hinterrücks meuchelt und mordet um seine eigene Hungergier zu stillen. Verzeih! Es liegt aber auf der Hand oder auch auf dem Teller: Es gäbe keinen Erfolg mehr im Leben und keine Beute. Die Jagd, das Heimtückische und das Offensichtliche, das man allzu gerne übersieht, ist der Kern der Elemente und Ehrlichkeit ist da nur das eigene Schlageisen, in das man schmerzhaft tritt.

Heute, im gesetzten Alter, das von außen gesehen den besten Jahren des Lebens zugeschrieben wird, sofern man den Hochglanzmagazinen der Printmedien trauen möchte, für mich jedoch eher der Nachsatz dessen scheint, sehe ich das natürlich anders. Heute ist Ehrlichkeit ein wichtiger Bestand, mir wichtig und sie gehört auch zu den gewürzten Essenzen eines gut gedeckten Tisches, an dem man vortrefflich und mit langer Erinnerung mahlen kann – wenn man es denn gemeinsam möchte.

Nur wie es so mit dem Kochen und Zubereiten ist… es gelingt nicht immer. Schnell ist die Suppe versalzen, schnell die kleinen Kartöffelchen angebrannt, das Biofleisch, das ja keines ist und der Unehrlichkeit heimtückisch entsprungen ist, klebt unangenehm zäh in der Gußeisernen Pfanne fest. Das Leben. Es ist wohl immer schwierig, die richtige Mischung zu finden und den Geschmack zu treffen.

Zuviel Salz der Ehrlichkeit und der mögliche Gast verzieht das Gesicht, zu wenig und die Wahrheit, die es somit nicht ist, ist schal und Erinnerungslos. Ich selber bin in manchen Dingen zeitweilig recht begabt, aber im Kochen nicht besonders, soviel Selbsterkenntnis und Verstand besitze ich, und meine Gerichte beschränken sich deshalb auf einige, wenige Mahlzeiten, die sich dafür gerne wiederholen und vielleicht nur in ihrem Umfang variieren, um das Leben bunt zu halten. Dafür schmeckt es auch und man kann sich darauf verlassen. Auch wenn ich mich gerade einer Diät unterwerfe.

Die Meisten kochen jedoch gerne und ausgiebig, ungeachtet ihrer Geschicklichkeit und rühmen sich mit der Haube des Spiegels. Wozu sich mit einer banalen Melange aufhalten, wenn es die Eigenkreationen gibt? Man schwingt die Sichel.

Ich folge bei der Ehrlichkeit jedoch meinen bewussten Kochkünsten, die keine sind. Entweder ich streue das Salz dezent als Beilage aus und verfeinere das Gericht… oder ich lasse das Kochen sein und schweige. Immer mehr. Manchmal folgt man naturgemäß auch falschen Vorstellungen und Meinungen, aber dessen sei mir verziehen – perfekt ist wohl niemand. Schließlich sind wir alle nur Fahnenträger und richten uns da und dort auch gerne mal so und unbewusst aus, dass sich die Bürde auf Dauer leichter im Sturm trägt und wenn es nur ein seltsames Gefühl ist.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Letzteres reizt mich nicht, weil Gold die Farbe der Gier und der Macht ist, der Silberglanz schon gar nicht, die Bronze lasse ich aus, der Stein ist mir zu kalt, der Stoff zu widerspenstig… deswegen bleibe ich einfach beim Holz. Holz ist ein gutmütiges Material, es ist warm, weich, formbar und ehrlich. Schnitzt man ein Stück zu viel weg, dann ist es nun mal so. Es bleibt eine Kerbe zurück und bestehen, erinnert jedoch immer und lange an die Fehler und formt somit aber auch eine bessere und ruhigere Hand beim nächsten Mal.

Belastet man diese Stelle der Unkonzentriertheit später in übermütiger Weise ohne Nachzudenken, dann bricht das Holz unvorhergesehen, auch wenn es sich eigentlich widerspricht, und man weiß wieder, woran man ist und wo seine eigenen Spuren zu finden sind. Da gibt es keine Boshaftigkeit, da gibt es keinen Vorsatz. Es ist ehrlich.

Wenn man sich auf Twitter jedoch so in den gesellschaftlichen Spiegel mit dem Holzrahmen in das Eigene und daraufhin auch das Antlitz der Anderen schaut, dann weiß man aber eines ganz sicher… man findet fast nur mehr goldene Herzen und silbrige Augen. Das saftige, austreibende, helle Frühlingsholz, das die ganze Hoffnung einer schönen Jahreszeit und Natur in sich trägt, in der man gemeinsam auf der Wiese unter dem Baum sitzt und sich über das gemeinsame Mahl freut, dieses Herz ist kaum mehr zu finden.

Dabei wäre es wirklich angebracht, auch einfach mal nur den Schnabel zu halten und den Schaum von der Melange zu pusten oder wagemutig aufzuschlürfen. Es ist ein ehrliches Statement und keine Ungepflogenheit… auch wenn dann vielleicht – schweigenderweise – der Schaum auf der Lippe so manches Gelächter aus den goldenen Reihen hervorruft.