Der Turm des Lebens

Es ist herrlich hier. Sie stapft weiter. Behutsam setzt sie einen Schritt vor den Anderen, versucht die Balance zu halten, aber generell fällt es ihr nicht schwer – sie gilt als die Meisterin ihres Faches. Der Rucksack ist leer, die Strecke zuvor war weit… aber dennoch… Das Sonnenlicht, das durch das Fenster fällt, hellt die Umgebung auf, es ist warm und trocken, etwas zu trocken sogar, aber die Sicht gut und sie hat ihre Ruhe. Das benötigt sie für ihre Konzentration und zugleich mag sie auch diese stillen Momente.

Kleine Steine liegen überall verstreut in der Landschaft, bräunlich gefärbt und dazwischen drängen sich kleine, helle Sandkörner. An manchen Tagen stellt sie sich deshalb vor, dass sie auf einem fernen Planeten gelandet ist und auf Entdeckungsreisen geht. Ein völlig unbekanntes, fremdartiges Terrain erforschen – diese Gedanken beleben sie immer wieder erneut.

An manchen Tagen klettert sie auf den hohen Felsen oder auch auf den Baumstumpf neben dem Haus und streckt sich in das Licht – wie ein Eroberer. Denn eines Tages möchte auch sie davonfliegen, einfach die Flügel ausstrecken und langsam empor schweben. Weit weg, in eine unbekannte Zukunft und Landschaft.

Das Ziel ist näher gekommen, es ist nun in Sichtweite. Der Turm, der sich vor ihr erhebt, ist gewaltig und sehr hell, er blendet in der Sonne und vor allem ist er auch eines: glatt. Seine Oberfläche wirkt wie Marmor, sie spiegelt ein wenig und bietet damit kaum Haltepunkte. Dennoch – und das ist das Vorhaben – möchte sie da hinauf, bis zu dem ersten Vorsprung, der gewaltig in die Landschaft hinaus ragt. Ein gefährliches Unterfangen und dennoch alltäglich für sie.

Auch wenn sie dieses Abenteuer mag, treibt sie vor allem auch ihr Pflichtbewusstsein an… es geht schließlich nicht nur um sie, sondern um sie alle. Es ist eine Notwendigkeit, es ist für das Überleben wichtig und eine Voraussetzung. Ihr Tun bestimmt die Zukunft.

Langsam setzt sie erneut einen Fuß vor den Anderen, begutachtet jede Stelle in Ruhe und prüft, ob sie genug Halt hat und zieht sich wieder ein Stückchen empor. Da und dort finden sich in der glatten Oberfläche kleine, versteckte Haltepunkte und Vertiefungen, es gibt sogar einen eigenen Pfad, der sich im Laufe der Zeit durch die vielen Besteigungen leicht verfärbt hat und wie auf einer Landkarte die Richtung weist. Aber es bleibt dennoch jedes Mal eine gewagte Herausforderung und eine Anstrengung. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie abrutscht und auf die Felsen unter ihr stürzt.

Nach wenigen Minuten schließlich ist sie an der oberen Kante und nun folgt der finale, schwierige Teil. Die Überquerung dieser scharfen, rechtwinkligen Kante, denn es ist für ihren Rücken nicht mehr so leicht, sich da einfach nach vor zu beugen und zugleich sich mit Händen und Füßen aufzustemmen und vorwärts zu schieben – ohne dabei abzurutschen… aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. Millimeter um Millimeter bewegt sie sich langsam und konzentriert. Nur noch ein Klimmzug.

Geschafft.

Keuchend liegt sie auf dem Bauch, blickt im selben Moment unruhig auf und ist sogleich erleichtert. Sie spürt Freude in sich strömen… die Quelle des Lebens ist nicht versiegt. Die Vertiefung mit Wasser ist gut gefüllt und ihr Überleben abermals für einige Zeit gesichert.

Der Wasserturm – er ist das Zentrum und zugleich die Wiege des Lebens. Ihr Blick schweift von der glitzernden Oberfläche hinauf zum Sonnenlicht… ein für sie epochaler Moment, der nie seinen Zauber verliert.

Und auch dieses Mal wird sie ihren Rucksack mit frischem Quellwasser auffüllen und ihn wieder heimwärts zu den Anderen tragen. Es bleibt ein sich unendlich wiederholender Kampf, aber sie liebt dieses Leben, denn es ist zugleich eine Bestimmung. Ihr Tun, diese dauerhafte Prüfung und ihre Willensstärke sind ausschlaggebend dafür, dass es noch Andere wie sie geben kann. Sie ist ein Teil des Ganzen und jeder Schritt ist ein Schritt für das Gesamte. Für das Kollektiv. Es muss getan werden.

Sie kennt und will es aber auch nicht anders… stolz streckt sie sich erneut in das Licht, zeigt der Landschaft und dem Sonnenlicht, dass sie auch heute die Angst besiegt hat. Aber mehr Zeit bleibt nun nicht mehr. Sie kostet schnell vorsichtig von dem Wasser und beginnt konzentriert mit ihrer Arbeit… denn der Abstieg ist langwierig und der Rückweg weit… zudem muss diese Strecke heute noch einige, weitere Male bestritten werden.

Anmerkung: meine Ameisen im Formicarium sind wieder erwacht, der Turm-Trinknapf ist frisch gefüllt und die Ameisen beginnen, sich selber, den Nachwuchs und die Königin nun erneut regelmäßig mit Flüssigkeit zu versorgen.