Arkadengänge am Meer

Es gibt so Orte, an denen ich mich bei Bedarf einfach in andere Welten versetzen kann. So zum Beispiel in dem Arkadengang unweit meiner Behausung. Dort scheint manchmal die Sonne auf die gelben, restaurierten Wände, alles schön sauber, das Schloss steht daneben und prachtet still vor sich hin… währenddessen wandere ich also durch diesen Seitentrakt mit seinen offenen Wölbungen und stelle mir dabei vor, erhöht auf einer Festung in der Nähe des Meeres zu sein. Eine leichte Brise umspielt das Antlitz.

Am Meer

Und dann beginne ich zu gestalten. Große, schwere Holztröge mit Erde und vielen, duftenden Kräutern und bunten Blumen da und dort zu platzieren, an den Wänden mit der Hand und zarten, braun-grünen Farben gemalten Efeu, der leicht abblättert, zu drapieren und an einigen Stellen hänge ich auch noch getrocknete Wiesenblumen auf, bei der großen Mittelsäule sogar auch mal ein altes Gemälde mit einer Wiesen-Feld-Meeres-Berg-Landschaft mit kräftigen Wolken und sonnigen Sonnenblumen.

Danach setze ich mich zu den Bäumen, nicht auf die verwitterte Steinbank, sondern auf die klassische Parkbank daneben und genieße das Rauschen der Blätter, das fiedele Zirpen und Singen der Amseln um mich, während ein kleiner Star vor meinen Füßen nach Würmern in der Wiese sucht. Übrigens sind es ausgezeichnet schöne Tiere. Früher hatte ich ja Stare eigentlich eher als dunkle, kleine, beliebige Massenvögel abgekanzelt und nicht weiter an meiner Wahrnehmung teilhaben lassen, aber seitdem ich mir sie mal näher zu Gemüte führte, bin ich sogar richtiggehend begeistert von ihrer Schönheit.

Sie besitzen nicht nur einen sehr eleganten, kleinen Körper, den man am liebsten in die Hand nehmen und wieder rausschlüpfen lassen möchte, sondern auch das Federkleid glänzt und leuchtet in herrlichen, aber zugleich dezenten Farben – ein Umstand, der mir zuvor kaum bewusst war, denn wer blickt schon so einem Vogel hinterher? Die Federn tragen blau-grüne Schattierungen, vervollständigt mit diesem Puder-Glanz, der sie wie kleine Kronjuwelen wirken lässt, die man aus Versehen beim Galopp über das Anwesen lose verstreut hat.

Meistens schleppe ich mit kräftiger Hand die Bank ein kleines Stück vor, so dass ich mehr von der Sonne erhasche und das Blätterdach über mir nur eine Randummalung meines Blickwinkels ist – dadurch glitzern die Strahlen bei jedem Windstoß in den Augenwinkeln auf und verkörpern umso mehr das Gefühl der südlichen Landschaft. Aber vermutlich liegt dies auch an der Verbundenheit mit kindlichen Erinnerungen.

Die schönste Kombination ist ja viel Sonne mit klar umrissenen Wolken, mit etwas Wind, der jedoch nur sanft mit den Haaren spielt und die Blätter leicht wippen lässt, mehr darf es nicht sein. Hin und wieder ein Wolkenschatten der kurz und unauffällig die Szenerie in ein lebendiges Umfeld der Schattenspiele formt und wunderbar ist es dann, wenn sich vor den Füßen zum Überfluss eine Wiese erstreckt, die noch nicht geschnitten oder gepflegt wurde. Wobei zugegeben auch ein purer Schlossgarten mit seinen Blumenkreisen und geschwungenen Kurven und den klaren Rändern eine Eleganz sowie zugleich Erholung ausströmt, die ganz sicher und gar nicht zu verachten ist. Kultur gehört schließlich auch mal gelebt – und wenn sie in Form gegossene Künstlichkeit darstellt.

Ein weiterer, erwähnenswerter Umstand, wenn ich danach mal wieder zuhause hier am Tisch sitze, ist der, dass es noch einen weiteren Grund gibt, warum ich so ungern mehr mit dem Laptop am großen Holztisch, der eigentlich für zehn Personen gedacht ist, mir jedoch gerade recht erscheint, sitze und diese Zeilen tippe. Der elektronische Gefährte passt hier einfach nicht. Eine große Kornblume stattdessen – und ich weise hier nun jede politische Neigung weit von mir, denn ich betrachte diese Dinge ausschließlich im Sinnbild der Natur selbst und nicht missbräuchlich für gesellschaftliche Gepflogenheiten der Zwietracht – sowie eine schöne Tasse und das viele Holz… das steht irgendwie für sich alleine und reicht aus. Der Gefährte, auch wenn er so viele Türen in die digitalisierte Welt eröffnet, hat auf diesem Platz nichts zu suchen, er ist ein Fremdkörper.

Ein Buch wäre wesentlich passender, auch wenn es sinnbefreit wäre… aber diese Analogität in seiner visuellen Form, sagen wir jetzt sogar sehr übermütig und zugleich auch vorsichtig: dieses bäuerliche, südländische, rurale Ambiente, ist viel schöner, viel ruhiger und viel freundlicher. Schwarzes Plastik, ein leuchtender Bildschirm und blaue Leuchten sind da der gelebten Emotionskultur ihr früher, steiniger Tod. Deswegen die Wanderschaft in das andere Zimmer, um das visuelle Bild der gelebten Bedürfnisse zu erhalten – wobei ich auch dort wiederum unzufrieden bin.

Wenn es Stärken und Schwächen des Lebens gibt, die ich mir selber aufbürde und in einem Rucksack von Bergkuppe zu Bergspalte schleppe, dann gehört zu der stärkeren, kleineren Seite auf jeden Fall ein starker, visueller Anspruch, der – soweit lehne ich mich nun auch ganz bewusst aus dem Turm des Egos heraus – durchaus seine Qualitäten und ein hohes Niveau hat und weiß, wann Etwas schön und ansprechend ist. Egal ob bei den kleinen Dingen aus Holz oder Stein, der Landschaft, bei den Menschen oder den Tieren – sofern ich sie nicht sträflich verkenne, wie bei den Staren. Ich kann durchaus gut unterscheiden zwischen naturgebundener Schönheit in seiner Reinform und dem Massenkonsum der vorgekauten Wirklichkeiten mit seinen künstlichen Masken. Mein Geschmack kann vortrefflich sein und folgt den Spuren von süßlichem Honig.

Am Meer

Und deswegen und eben zugleich hadere ich so schnell mit kleinen optischen Ansprüchen im Alltag. Viel passiert in meinem Kopf ohne Zutun, noch mehr jedoch beim Betrachten und dem Erkunden von Dingen mit den Augen, auch wenn ich mir angewöhnt habe, dies vermehrt für mich zu behalten und als die kleine Truhe der Lebensschätze unter dem eigenen Bett zu bewahren. Jeder Mensch braucht schließlich seine Kostbarkeiten.

Ich kann also nun diese elektronischen Gerätschaften nicht mehr sehen, auch wenn ich sie zugleich nützen möchte und sie mein Lebensfokus sind. Aber hier stößt das Visuelle dem Geistigen boshaft und kühl, wie die Natur des Lebens dies für sich beansprucht, in den Rücken und die Wanderschaft ist damit wohl dauerhaft, der Lebensraum im großen Zimmer jedoch auf jeden Fall nun schon fast vollständig von dieser Last befreit. Der Laptop braucht wohl bald ein eigenes Schutzgebiet, in dem er sich ausleben darf. Aber bitte nicht auf meinem Tisch, von dem ich möchte, dass er die nächsten Jahre und noch mehr nachdunkelt und lebendig wird, auch wenn dies bei der Birke nur schwer gelingt.

So nebenbei – auch wenn ich das in den anderen Textgefilden schon mehrfach festgehalten habe – die zurückliegende Entscheidung, den Fernseher ebenso wegzupacken und konsequent zu sein, war der richtige Weg. Der Kopf wird langsam freier und zugleich stellt man fest, dass sich das Leben eigentlich gar nicht ändert – was man durchaus als positiv empfinden darf. Es geht und ging nichts verloren… die wahren Filme spielt das Leben selbst.

Wandert man in der Pracht-Anlage nämlich weiter und durchschreitet von den Arkadengängen den Rosen- und Fliederdurchgang, dann erwarten einem seit einiger Zeit nun die wieder zu Leben erwachten Springbrunnen mit ihren glänzenden Fontänen und dem zarten Wassernebel, der sich beim Vorbeigehen wie ein frischer Tauhauch auf die Haut, das Gesicht und die Kleidung legt… manchmal bleiben dabei unzählige Perlen übrig, die in der Sonne aufleuchten und das Licht in sich wieder gebündelt spiegeln… kostbare Kügelchen, in denen überall das Leben mannigfaltig steckt.

Zudem kann man das Wasser in diesem Moment riechen, auch wenn es ursprünglich geruchlos ist – eine Note von Stein, Algen und zugleich Sommer… und das frischt auf. Ich muss in diesen Momenten immer an die Zufahrt mit dem Auto nach Venedig denken, wenn man die Seitenscheibe öffnet und auf der langgezogenen Ponte della Libertà Richtung Stadt fährt. Der Geruch des Meeres liegt bereits sichtbar in der Luft und das Leben in der Stadt des Wasser erwartet einem in der inneren Vorfreude.

Das sind feine Gefühle. In den Arkadengängen würde ich übrigens noch einen kleinen Holzsessel aufstellen, mit einem Tischchen daneben, mit einem kleinen Blumentopf darauf und einen Apfelkuchen essen. Oder nennen wir es jetzt, weil es gerade so schön passt: schnabulieren, während im Hintergrund die Schmetterlinge sich an den Kräuterblumen laben. Und schaue dabei auf das Meer, das sich weiter vorne zu den Füßen der warmen Steinfliesen erstreckt, auf der sich eine verwilderte Katze mit dem verschlagenen, aber zugleich verlockenden Gesicht in der Sonne verschlafen streckt.

Gemälde 1: Tom Roberts [Public domain], via Wikimedia Commons
Gemälde 2: Charles Conder [Public domain], via Wikimedia Commons