Das andere Fernsehen

Offen gesagt, hatte ich damals fast laut lachen müssen und es für völlig absurd empfunden. Vor ca. zwei Jahren oder so, hatte ich damals die Aufzeichnung einer Games Convention gesehen, also so ein Treffen der Industrie und ihrer Käufer, wo neue Dinge präsentiert und gespielt und so weiter werden… und darunter die Aufnahmen einer gewaltigen Halle mit tausend plus an Fans, die ihren Idolen vorne auf zwei Tischen an den Monitoren zujubelten.

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Menschen schauen anderen Menschen beim Spielen zu. Irgendwie verrückt und fragwürdig. Zumindest damals erschien es mir völlig abwegig… muss nun aber ehrlich zugeben, dass ich selber die letzten beiden halb-schlaflosen Nächte für ein-zwei Stunden genau damit überbrückt habe. Was ist geschehen?

Keine Ahnung. Die ganzen Dokus kennt man schon beziehungsweise bieten sie kaum Neues, Wirtschaftsnachrichten oder politische Grexit-Diskussionen öden an und die ganzen Spielfilme wiederholen sich entweder in einer Endlos-Schleife oder sind immer nach dem selben Muster. Das Gute schlägt das Böse und irgendwo wird etwas Glorifizierung darübergestreut, das Ganze noch mit Patriotismus gewürzt und eventuell noch mit einer beliebigen Moral des Lebens vervollständigt. Diverse Krimis oder Herzschmerz-Geschichten aus dem Norden… nun ja, ich mag sie durchaus, aber es nützt sich auch dann mal ab.

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Was bleibt? Comedy aus dem deutschsprachigen Raum empfinde ich als schmerzhaft und diverse Soaps und Reality-Shows sind eher dann amüsierend, wenn man sie zu zweit in welcher Form auch immer schaut und sich dabei aufregen und lustig machen kann. Aber so alleine in der Nacht, halbmüde und etwas genervt… da findet sich nicht viel.

Das x-te Comic, die x-ten Dashcam-Unfälle, das tausendste Will-it-Blend-Experiment und das x-te Vice-Magazine-Doku-Filmstück… das Netz ist groß, Youtube auch, aber dennoch… irgendwann fehlen einem fast die Suchbegriffe. Nach Jahren im Netz hat man einfach schon alles gesehen.

Nachdem ich ja vor längerem auf den Laptop umgestiegen bin und das Ganze auch noch auf ein recht billiges Neu-Gerät, das somit den Alltag gut bestreiten, aber Spiele oder Animationen und Co. nur eingeschränkt bis gar nicht packt, bin ich schon lange aus der Welt der digitalen Pixel-Würfe ausgestiegen. Hin und wieder bei einem Freund mal eine Runde kollektiv an der Konsole rumdrücken und gemeinsam absurde Experimente ausprobieren und die Spielgrenzen ausloten, aber mehr gibt es da nicht mehr in meinem Leben. Ich bin kein Spieler mehr im Regelfall und mir fehlt auch der Reiz dazu.

Nachdem ich um 2 Uhr in der Früh auch nicht gerade zu sonstigen intellektuellen Höchstleistungen fähig bin oder gar gewillt, der alternative Schokolade-Konsum zur Zeit flach fällt und ein Buch ernsthaft inhaltlich lesen die armen Augen um diese Zeit überanstrengt, das Hörbuch langweilt und Geschirr abwaschen auch nur so eine Mmmrrrr-Lösung ist, ist das stupide Anschauen von unbekannten, bewegten Flächen und anderen Formen ohne viel Aufwand durchaus die Lösung.

Und so bin ich einigen Youtube-Spielern in die digitale Weite der Abenteuer gefolgt und habe zum Beispiel einem unter ihnen dabei zugeschaut, wie er ein modernes Spiel bestreitet. Einerseits hat er es gut verkörpert, denn neben einer guten Stimme mit der richtigen Betonung und den passenden Inhalten in einem unaufhörlichen und zugleich nicht aufdringlichen Redefluss, wanderte er von Raum zu Raum, von Level zu Level in einer hochwertigen HD-Pixel-Kulisse, die dank der von Programmierern erschaffenen Atmosphäre und der eigens dafür geschaffenen Musik visuell und akustisch einem echten Arthouse- oder Spielberg-Film um nichts nachsteht…

Schlussendlich sieht man eigentlich einen normalen Film, mit dem feinen Unterschied aber, dass der Hauptdarsteller sein eigenes Tun und seine Versuche erklärt und genauso wie im Kino mal scheitert, mal einen Erfolg feiert und dabei mehrfach – oder auch nicht – dem Tode entrinnt. Es ist beinahe ein interaktiver Film, der durch den humanen Einfluss eine Portion an Ungeplantheit und Überraschungen erhält.

Und langsam verstehe ich durchaus auch die Faszination. Es hat sich quasi von den früher inaktiven Zuschauern vor dem TV zu einem aktiven Bild-Erlebnis geformt, wo auch der Nachbar um das Eck die Abenteuer und Ängste im Kopf bestreitet und man ist dabei, manchmal kann man auch live Kommentare per Chat oder Headset äußern und teilweise – je nach Spieler – mitgestalten… die Livestream-Plattform Twitch ist da ein gutes Beispiel dafür.

Es ist quasi erweitertes Fernschauen… und ich denke, diese Form wird weiter und vermehrt Einzug halten. Und da rede ich nicht nur von Computerspielen, sondern eben auch von 360 Grad Dokumentationen, wo man selber die Kamera während des Filmes steuern kann oder 3D-Optik mit interaktiven Elementen – die ersten Experimente dazu laufen da ja bereits bei den großen Studios. Spannende und seltsame Zeit zugleich irgendwie. Ich denke, meine jüngere Schwester wird wohl in einem völlig anderen medialen Umfeld als ich aufwachsen, das ich zudem wohl bald dann auch nicht mehr ganz verstehen werde.

Zumindest als Einschlafhilfe ohne besonderen Anspruch reicht mal die aktuelle Ära aus und wenigstens erschreckt sich der Hauptakteur des „Filmes“ an der entsprechenden Stelle genauso wie ich gleichermaßen. Das passiert bei einem James Bond Film oder Austrias Next Top Model nicht. 🙂