Journalismustage 2015

Herrliches Frühlingswetter, fast ganz Wien strömte durch die Stadt oder trainierte bereits für den Wien-Marathon am Sonntag… und dennoch hatten sich einige Sakko- und Nicht-Sakko-Träger im Museumsquartier versammelt, um sich den Fragen, Ansichten und der Zukunft des Journalismus abermals zu stellen. Letztes Jahr berichtete ich bereits von der Veranstaltung, heute ebenso – aber dieses Mal fasse ich mich hier eher nur kurz und recht oberflächlich.

Josef Barth eröffnet die Journalismustage 2015

Im Gegensatz zum ersten Anlauf 2014 gab es bei dieser Zusammenkunft unter der Schirmherrschaft von Josef Barth (Forum Informationsfreiheit (FOI) und Initiative Transparenzgesetz) nun auch einen parallel laufenden, erweiterten Zweig in einer anderen Räumlichkeit, der – wo ich ehrlich sein muss – auch irgendwie interessanter war. Zwar treten weiterhin die üblichen Verdächtigen auf und man grüßt sich da und dort, aber die „Side Stage“-Vorträge waren dennoch für mich „näher“ an den Fragen, die mich persönlich interessieren.

Dunja Mijatovic, OSZE, bei der Keynote

Eröffnet wurde der Tag von Dunja Mijatovic, der Beauftragen für Medienfreiheit der OSZE (also der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), die nicht nur die englischsprachige Keynote an sich hielt, sondern auch die Problematik von unabhängigen Journalismus in Krisengebieten oder ehemaligen Ostblock-Ländern aber ebenso Syrien anführte – sei es die Ermordung von Journalisten ohne weitergehender Aufklärung oder auch das Verteilen von Falschinformationen an die Medien – und dem Umstand, dass naturgemäß viele Berichte auf wackligen Fakten stehen bzw. auch gerne (politisch, aber nicht nur) verwässert sind.

Cornelia Vospernik vom ORF sprach im Anschluss gemeinsam mit Mijatovic und Sibylle Hamann bei der gemeinsamen Diskussion auch die Problematik an, dass man zum Beispiel oft Informanten und Freelancer in Krisengebieten vor sich selber schützen muss und thematisierte die Frage, wie man denn eigentlich generell mit Personen vor Ort umgeht, die zwar Teil der Berichterstattung sind, beispielsweise Aktivisten, die allerdings nach Abzug der Journalisten wiederum natürlich auf sich gestellt bleiben und damit erst recht womöglich noch mehr gefährdet sind – und zog das nüchterne Fazit, dass da sehr wohl durchaus immer wieder auch „Sauereien“ durch Journalisten dabei passieren und man sich nicht weiter darum kümmert.

Gesprächsrunde am Podium

Außerdem wurden ein paar kurze Anekdoten aus ihrem früheren Tätigkeitsfeld in China und der dortigen Situation der Berichterstattung angeführt, sowie dem damit einhergehenden Spannungsfeld von Klischees in den westlichen Medien und der tatsächlichen Realität vor Ort, die schließlich nicht immer unbedingt den Tatsachen entspricht – und inwiefern man sich dieser Wahrheit dabei medial stellt oder nicht.

Leider folgte zudem mal wieder ein – heutzutage anscheinend üblicher und ständig präsenter – Hieb in Richtung Russland als rücksichtsloser Staat, den ich speziell im Umfeld der journalistischen Welt für (erneut) nicht ganz passend empfinde, denn es ist ein vorherrschendes „Meinungsbild“ (unabhängig davon, ob begründet oder nicht) und ist alles, aber eben keine Sachlichkeit und Neutralität – aber das ist sowieso ein Spannungsfeld, mit dem ich regelmäßig kämpfe – so zum Beispiel beim Lesen der FAZ, die auf politischer und wirtschaftlicher Ebene mittlerweile fast kaum mehr Nüchternkeit und Sachlichkeit ausspricht, sondern meistens nur mehr mit persönlichen Meinungen, Klischees und stark mit Emotionen spielt – egal ob bei Leitartikeln wie vorgestern oder den kleinen Teasern am Rande.

Journalismustage

Aber das ist ein anderes Thema… immerhin brachte die mit ausschließlich Frauen besetzte Podiumsrunde den kurzen Bezug dazu in den Raum, als man feststellte, dass man bei einem „freundlich gesinnten Land“ mit politischer und nationalistischer Intervention von üblicher und klassischer medialer Öffentlichkeitsarbeit spricht, bei Ländern, die dem eigenen Verständnis und der Sichtweise nach nach als „böse“ angesehen werden, hingegen spricht man dann stattdessen von Propaganda und besetzt es damit bewusst negativ mit dieser Wortwahl – obwohl es sich eigentlich um das gleiche Konzept und Inhalte handelt. Fair? Wohl kaum und vielfach müsste sich hier Europa selber einer Kritik (endlich) stellen.

Olivera Stajic, Der Standard, beim Vortrag

Danach folgte ich den Spuren in den anderen Trakt zu Olivera Stajić vom Standard, die sich um verantwortungsvollen Journalismus im Umgang mit sozialen Online-Medien bemühte (ja, man fragt nach, bevor man Tweets medial verwertet) und ein paar kleine Beispiele aus dem Alltag zeigte, wo fehlende Recherchen problematisch waren & sind und außerdem sprach sie einen guten Punkt an: ein bisschen Googlen, ein bisschen Twitter und die üblichen Verdächtigen aus der Medien- oder Politik-Landschaft zu zitieren, ist vieles… aber halt keine „Recherche“. Und fasst die heutige Situation in der schnelllebigen Welt des Netzes damit gut in diesen einen Satz- und erhielt damit auch wohlwollende Zustimmung aus dem Publikum.

Allerdings hätte ich mir etwas mehr Zeit zu diesem Thema gewünscht sowie ein Ausbreiten und Vertiefen des Inhaltes an sich, aber dazu ist eben die Zeit vor Ort naturgemäß zu kurz. Leider, denn die Punkte bieten viele Angriffsflächen für einen regen Austausch und gehören meiner Ansicht nach sowieso eigentlich auf die Hauptbühne… denn speziell Twitter und Journalisten sind eine eingeschworene Gemeinschaft bei uns und die füttert sich allzu oft selber mit Informationen und Eigendynamik, wie man dort tagtäglich mitlesen kann.

Christoph Schattleitner über unsichtbare Geheimdienste

Danach folgte ein unerwartet interessantes Thema, das auf dem Papier zuvor eher ein bisschen so „Naja“ klingt… und zwar stellte Christoph Schattleitner die banale Frage „Wovor haben österreichische Geheimdienste eigentlich Angst?

Ein wunder Punkt, denn wenn man über den nationalen Tellerrand blickt, gibt es etliche Beispiele, wie die Öffentlichkeitsarbeit in anderen Ländern der verschiedenen Dienste funktionieren und dabei auch Teil der Massenmedien sind oder sich zumindest dem Diskurs stellen, so wie in Deutschland und in der Schweiz… während es in Österreich so gut wie gar keine Informationen ihrerseits gibt. Weder über die Dienste an sich, deren Aufgaben, noch werden sie auf der anderen Seite tiefgehender medial behandelt – wobei ich jedoch der Meinung bin, dass sich das zudem viele Medienvertreter schlichtweg auch einfach nicht trauen und „Angst“ davor haben, bei Interventionen im kleinen Nest Österreich ihre Sympathien und Connects zu verlieren.

Aber Situationsfakt ist: einheimische Informationsdienste ohne Ansprechpartner, teilweise sogar ohne Logo, ohne Webseite und abweisende bis gar keine Antworten über die großen Stellen der Ministerien oder klassische Verschleppungstaktik… das ist Österreich. In anderen Ländern würde man das in der heimischen Berichterstattung deftiger bezeichnen.

Publikum

Dass es selten eine mediale Aufbereitung der Dienste gibt, kritisiert er somit zurecht, denn eine Zusammenarbeit mit ausländischen Diensten, auch der NSA, gilt ja doch eigentlich als bestätigt – und wenn man sich so die österreichische Mentalität anschaut, dann muss man ja auch irgendwie davon ausgehen, dass wir dabei mehr „herschenken“ als bekommen. Wohlgemerkt stellt Schattleitner die Geheimdienste und ihre Tätigkeiten an sich allerdings nicht in Frage, sondern wundert sich eher über das mangelnde Potenzial einer öffentlichen Kommunikation und dem Eingliedern in den gesellschaftlichen Alltag unserer Bevölkerung. CIA, NSA aber auch der MI6 und Andere sind da wesentlich offener und einladender – das beginnt bei Webseiten, Computerspielen und hört bei TV-Serien auf.

Sebastian Fellner über den Umgang mit Suizid in den Medien

Auch Sebastian Fellner (der andere Fellner wohlbekannt) sprach ein empfindliches Thema an – und zwar über den Umgang von Suizid in den Medien. Genauer gesagt den schwierigen Spagat zwischen informativer Berichterstattung, reißerischen Schlagzeilen und dem Schutz der „Opfer“ und ihrer Angehörigen sowie den Gefahren der dadurch verursachten Nachahmung.

Dass der Suizid nicht immer nur aus vollständiger Eigeninitiative in der Form alias „selbst schuld, eigene Entscheidung, muss es ja selber wissen, wenn er~sie es so will“ erfolgt und durchgeführt wird, wurde mit einer eindrucksvollen Grafik belegt, die das Massenphänomen der U-Bahn-Selbstmorde in Wien in den 80-90ern illustrierte – und dem radikalen Rückgang der Selbstmorde mittels U-Bahn nach einer Überarbeitung und neuen Richtlinien in der Berichterstattung der gängigen Tageszeitungen. Kein unspannendes Thema, aber auch hier reichte leider die Zeit nicht aus, um mehr Beispiele aus der Praxis zu durchleuchten und auch im Fokus zu behandeln – dabei formten sich dann nachträglich doch einige Fragen im Publikum. Hat Potenzial, das kurze Resumé könnte man mit „Suizid-Meldungen haben in der Berichterstattung nur am Rande zu erfolgen und zudem auch nicht als Kern des Inhaltes an sich“.

Journalismustage 2015

Währenddessen liefen parallel Diskussionen, wie man den Journalismus wieder Vertrauenswürdiger machen kann und weiters, welche Rollen er in der Kommunikation mit Politik und LeserInnen einbringt oder könnte – der aktuelle Stand ist da schließlich nicht ganz so rosig. Weiteres gab es am Nachmittag noch Vorträge rund um „Medien“ und ihre Kanäle sowie Konzepte im Umgang damit, die Fragestellung, wie man BürgerInnen den Weg in die Redaktion gewissermaßen öffnen kann, eine Google-Note zu selbstfahrenden Autos, Microblogging bei Gerichtsverhandlungen und ihre Gewichtigkeit sowie Journalismus und seine generell unterschiedlichen Formate und Möglichkeiten…

Mehr Einblicke zu den Vortragenden, dem JT-Team und in Kürze vermutlich auch die Vorträge selbst im Detail mit Fotos und Videos findet man auf: www.journalismustage.at

Meinung
Mein persönliches Fazit ist etwas durchwachsen. Letztes Jahr war ich sehr angetan von diesem weiteren, neuen Versuch, hier ein offenes Podium für die Kommunikation unter Journalisten zu etablieren und begrüße diesen Ansatz auch weiterhin unverändert – allerdings schleicht sich ein wenig der österreichische Klassiker ein: es wird gerne viel oberflächlich geredet und man sollte und man könnte und eigentlich müsste man und man hätte und könnte irgendwie… aber zu sehr ist man dann doch anscheinend untereinander verzahnt, zu sehr wechseln sich die Gesichter oftmals eher intern unter den Blättern und Online-Redaktionen und zu sehr kennt man sich. Ich sehe das als Problem.

Es führt schließlich zu einer eher geringen Kritikkultur in den eigenen Blättern und bei den Richtlinien (also Kritik gibt es, aber nicht den direkten Fingerzeig in der Diskussion), gezielte Namen (außer den Klassikern wie Krone) fallen deshalb auch recht selten und auch sonst überwiegt die Selbsterkenntnis, dass es durchaus da und dort auch im friedlichen Österreich journalistische Muster gibt, die nicht ganz ideal laufen… aber auf der anderen Seite sind wir ja die Guten & zudem ist es ja nicht so schlimm wie in anderen Ländern quasi… also… ja.

Auch fehlt mir generell der provokante Biss ein wenig und die Hard Facts. Die Keynote und die anschließende Gesprächsrunde – so interessant und gut gesprochen sie auch war – ist dennoch nur ein Resumé der Ist-Situation. Man betrachtet also Dinge, die eigentlich ja sowieso auf der Hand liegen und den meisten Anwesenden, da ja fast Alle über einen journalistischen Background verfügen, durchaus bewusst sind und diese sowieso damit dem Schleier des Dauerdiskurses unterliegen.

Ausblick

Denn so tragen Journalisten anderen Journalisten vor, dass Journalisten eben besseren Journalismus als die anderen Journalisten vollziehen sollten – dabei immer wieder bestätigt, dass die Lage eben durchaus kritisch ist, aber eigentlich ist ja in Österreich – im Gegensatz zu anderen Ländern – alles gut, also darf man sich eigentlich wiederum nicht beschweren. „Wir haben ausgezeichneten und freien Journalismus“ – auch wenn man dieser Aussage paradoxerweise in der nächsten Podiumsdiskussion erst recht wiederum widerspricht – so lautet irgendwie der Tenor unter dem Schlussstrich zusammengefasst: Wie jetzt?

Irgendwie würde ich mir also wünschen, dass solche Veranstaltungen auch zum Beispiel einen Workshop integrieren, bei denen eben genau die Masse der Meinungstragenden Journalisten in der heimischen Öffentlichkeit zum tragen kommt, dabei in einer eigenen Runde beispielsweise weitere (ungeschriebene) Richtlinien definieren, sie gemeinsam mit Diskussionen an einem dritten Tag ausarbeiten und diese dann bestätigen (und leben) – sozusagen einen sekundären Kodex und dass im Kollektiv des Austausches auch ganz gezielt Beispiele hart untereinander und miteinander durchleuchtet werden – mit Namen, der Redaktion und direkter Konfrontation mit Diskussionsraum… beispielsweise der Umgang mit Twitter-Zitaten oder unverpixelte Bilder von Opfern, Angehörigen und so weiter.

Aber vielleicht formt sich so eine Bewegung (hoffentlich) nächstes Jahr dann bzw. wendet man sich von dieser „Resumésierung“ generell ab und stattdessen dem eigenen Spiegelbild zu und predigt nicht nur Phrasen, die schlussendlich vieles sind, aber zumeist eher und eigentlich nur Worthülsen. Viele Worte, aber wenig Handlung also. Die größte Gefahr im Journalismus bleibt somit (so wie in alle Branchen natürlich) die ausführliche, lange Selbstreflexion… nur bequemerweise im eigenen Spiegelkabinett, das man selbst gestaltet hat.

Auch würde ich mir einen dritten Slot bzw. Side-Stage wünschen, in der auch ganz junge (zukünftige) Nachwuchsjournalisten (noch ohne Rang und Namen) vortragen und untereinander diskutieren können, vielleicht auch jeweils im Beisein von einem etablierten Journalisten zur Relativierung von zu forscher Euphorie, aber zugleich auch als Knackpunkt für Neuerungen und bisher ungestellter Kritik durch die andere, unbedarfte Herangehensweise.

Grundfazit aber: das Dabei sein bei dieser Veranstaltung im Museumsquartier Wien lohnt, mehr Raum für Diskussionen in kleineren Runden wäre begrüßenswert, denn in zu großen Runden bleibt es immer irgendwie zu einseitig und eher Publikum vs. Podium – führt auch zu einer niedrigen Frequenz an Fragen, wie man abermals sehen konnte, während gute Gespräche stattdessen (auch bei Barcamps) eher in kleiner, gemütlicher Sesselrunde-Atmosphäre entstehen und den Austausch verstärkt fördern.

2016 gibt es also hoffentlich wieder einen Bericht und ja, auch idealerweise schlechteres Wetter, denn dann zieht es einem nicht früher hinaus… 🙂

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  1. Übrigens zum Thema Bildmanipulationen – die ja mittlerweile zum gefährlichen Alltag in der Medien-Landschaft von Nachrichten und Fakten gehören – bietet diese Schweizer Seite ein paar kurze Beispiele, an denen man gut sehen kann, wo wie und was alles manipuliert werden kann bzw. wurde: http://www.rhetorik.ch/Bildmanipulation/Bildmanipulation.html

    Und zudem gibt es gewissermaßen das „Handbuch“ für Journalisten: http://verificationhandbook.com/ – „A definitive guide to verifying digital content for emergency coverage“, herausgebracht von BBC-Journalisten.

    Es kann auch online kostenlos gelesen werden und bietet reale Fallbeispiele von Video-, Bild- und Text-Manipulationen, durchleuchtet sie genauer und zeigt direkte Wege auf, sie zu identifizieren – beispielsweise wann wurde der Youtube-Account von wem wie registriert und welches Datum entspricht wo diesem und jenem und so weiter, die Ortung und Lokalisierung von wackligen Videoaufnahmen mit gängigen Tools alias Google Earth und Maps und vieles mehr… auch wie man die „Crowd“ (also Usermasse) für sich arbeiten lassen kann, um Falsifikationen vorzunehmen. Informativ & gut und sollte quasi jeder in dem Metier in seine Hosentasche dabei haben und mal konzentriert durchlesen.

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