Neo 2 ~ Ein anstrengender Versuch

Gestern habe ich übrigens mal zur Abwechslung meine Tastatur am Laptop geputzt und im Zuge dessen auch alle Tasten abgenommen. Eine mühsame und zugegeben hygienisch fatale Idee, denn was sich da an Symbiosen, Katzenhaarwäldern und unentdeckten Arten so herumtreibt ist wirklich beeindruckend. Eine Universumdoku wäre da glatt mal angebracht. Aber gut, putzen muss sein und so wurde geschabt, gekratzt und gerieben. Und irgendwann war dann alles wieder zu 15% sauber, der Rest ist nicht schaffbar und schon im System sozusagen integriert.

experiment

Egal, auf jeden Fall wissen treue Leser aus dem Forum, dass ich mein jahrelang aufgeschobenes Projekt mit einer selbstgebauten Einhandtastatur mehr oder weniger erfolgreich immer wieder mal vorantreibe und mich eben mit der Thematik ein wenig auseinandersetze. Soweit so gut. Naturgemäß bin ich so ein Mensch, der sich dann recht schnell für die Materie begeistern kann und so bin ich dann wieder mal über die alternativen Belegungen von Tastaturen gestolpert.

Geschichtsstunde, Kinder!
Hä? Was? Wie? Von was schreibst Du da? Na wir kennen ja alle unsere Tastatur am Laptop oder vom Stand-PC zuhause oder im Büro. Klassisch diese QWERTZ-Tasten-Reihe, die man von Beginn an als naturgegeben erlernt. Ist sie natürlich nicht, sondern der Grund warum alles so angeordnet wurde, wie es heute zumeist auf unseren Geräten ist, findet sich in der Geschichte des 19. Jahrhunderts, als auch so ein hoffungsloser Nerd, Christopher Latham Sholes, eine Schreibmaschine neu zusammenbastelte… denn man musste feststellen, dass sich bei der üblichen Anordnung der Buchstaben die mechanischen Bügel beziehungsweise Hebel der Buchstaben-Arme zu oft verhedderten und verklemmten.

Zudem waren die ersten Schreibmaschinen auch noch so gebaut, dass man mal munter drauf los tippte und erst nach geraumer Zeit feststellen konnte, dass sich ein Hebel verklemmt und man hundert E’s in seinen Text gerammelt hatte. Auch blöd, und deswegen wurden häufige Kombinationen getrennt und alles neu gemischt… und wir sind dann gemeinsam mit anderen Gründen noch nun eben bei der QWERTY/Z-Tastatur gelandet. Blabla und Blublu.

Naturgemäß wird man als nachdenklicher Leser oder gar Leserin nun sagen, dass dieses Layout wohl kaum der deutschen Natürlichkeit der Sprache entspricht, geschweige denn wirklich die effizienteste Anordnung der Buchstaben auf einer Tastatur ergibt. Und wie die Welt der Humanoiden so spielt, haben sich natürlich intelligente und weniger intelligente Menschen da ein wenig Gedanken darüber gemacht und immer wieder neue Wege gesucht, Alternativen auf die Beine zu stellen – also sprich eine Anordnung, die häufige Buchstaben zentriert und die Wege auf der Tastatur verkürzt – und natürlich waren diese Vorhaben fast immer erfolglos, denn der Kommerz, Marketing und das „Never change a running system“-Prinzip spielten und spielen da eben ihr eigenes Orchester der Massenproduktion.

Das DVORAK-Layout ist vielleicht Vielen bekannt oder man hat es mal irgendwo aufgeschnappt – eine alternative Tastaturbelegung aus der englischen Sprache und den 1930ern, aber es gibt natürlich auch noch andere Varianten, wie zum Beispiel Colemak.

In Deutsch findet sich in den letzten Jahren Ristome, aber vor allem die freie Anordnung Neo bzw. Neo 2, die darauf optimiert ist, in unserer Muttersprache die Eingabe zu erleichtern, ebenso Sonderzeichen und dergleichen über einen einfachen Umschalter auf unserer Tastatur zu ermöglichen.

Ich kann das!

tastatur_neo_Ebene1

Grund genug also für mich, nach Jahren, abermals den Versuch zu starten und beim Einbau der gesäuberten Tasten, einfach sie gleich umzustecken und in den Systemeinstellungen das Layout zu ändern – dem Neo 2-Layout entsprechend. Kann übrigens fast jeder Windows-Linux-Mac-Rechner heutzutage, denn sie haben fast alle die Dvorak und Neon-Layouts inkludiert. Und ich kann Euch eines sagen:

Es ist eine Katastrophe.

Ich bin immer sehr agil, neugierig und wissbegierig bei solchen Experimenten und deswegen so einem Vorhaben und Herausforderungen gegenüber immer extrem aufgeschlossen, aber die ersten paar Stunden gleichen tatsächlich einem Schlaganfall. Man fühlt sich augenblicklich völlig überfordert, ist schlagartig in jeglicher Form von der Kommunikationswelt der Menschheit abgeschnitten und lernt Zeit-Dimensionen umfassend neu kennen.

Spannend… macht Spass. Tipptipptipp… Wo ist das R? Ah, da ist es, gut, toll und wo ist jetzt das D? D? Hallo? D? Mmmhhhhh… das ddddddd…. moment, aso, nein…. mh??? WO IST DAS D? Sag mal, willst mich…. wo ist das ***** D BITTESCHÖN? HAAALLLOOOO DDDDD? Ah, da unterm Handrücken. Ok. Eh leicht. Easy Cheesy Baby! I…. iiiiii….. wo… ist… das FUCK I BITTE??? So EINE *****.

So ungefähr. Aber das ist noch nicht alles, denn der Blick auf die Tastatur verursacht tatsächlich Kopfschmerzen und das ist kein Spass! Ernsthaft, es gleicht einem Fehlbild im Kopf. Man blickt auf seine Tastatur und anstelle von ASDFGH sieht man da plötzlich ein UIAEOS und ist völlig verloren, die Augen schmerzen, man muss richtig die Augenlider zusammenkneifen, damit man überhaupt hinschauen kann und das Kleinhirn zieht sich auf Erdnussgröße zusammen und beginnt schmerzvoll zu arbeiten.

Dreckslayout!!! Wer erfindet so einen ******???? Ah, E. G, U… hey, das geht ja ganz leicht?! Das macht ja Spass! D…. wo ist das D schon wieder, Du verdammtes…. WO IST DAS D? FUCK D. Und jetzt dieses bescheuerte i, warum nur bist Du da… so laaaangsam, jetzt eeeeee und Leertaste, dann D… FUCK, NEIN! D habe ich gesagt und nein, ich wollte kein A!!! Bitte!

Aber gut, in Mikrobenschritten schreibt man Wort um Wort und lernt, die ganzseitige Lähmung des Körpers durch diese fremde Art und Form der Tastatur zu umschiffen. Aber mal eine kleine Pause, Dinge des Lebens rufen und um die muss man sich kümmern.

{…eine Zeitblende an dieser Stelle denken…}

Und dann kommt man zurück, der Tag war lang, man hat nicht nachgedacht, war mit anderen Dingen beschäftigt, klappt endlich wieder seinen Laptop auf und meldet sich am System an.

Meldet sich am System an.

Meldet sich am System an.

Meldet sich am System an?

WTF? Wo ist das Problem…

Du meine Güte, WAS IST DENN HIER PASSIERT???

Und das ist der Moment, wo man völlig entgeistert auf das bereits vergessene Layout auf der Tastatur und die neu geordneten Tasten fassungslos starrt. Und einem bewusst wird, dass man sich gerade einen 3-Tonnen-Nagel eingetreten hat… das Passwort mit den Sonderzeichen.

Reinhold Messner kennt ihr ja alle, oder? Also so Bergsteigen, Absturz, Halluzinationen, Yetis und so? Ungefähr so entsprach der Anmelde-Vorgang am System… ein Schnaufen, Klopfen, Festhalten, Error, nochmal anfangen, Lawine an Systemmeldungen von Sperre und irgendwann, irgendwann steht man dann im Schweiße des Angesichts am Gipfel. Beziehungsweise starrt erleichtert und schluckend auf seinen Desktop.

Mh. Surfen wir mal nach besseren Tutorials bzw. Übungen oder sowas… Browser auf und lostippen… ah, nein… FUCK. Woooo ist das T? Wooo ist das Y? D…D, da drüben und das L? Puh!

Das Fazit nach ca. 8 Stunden
Das erste Mal Neo 2 im richtigen Gebrauch nach bald Jahrzehntelanger Verwendung von QWERTZ ist wie ein Dauerunfall in Zeitlupe bei zeitgleichem Schlaganfall und Erblindung. Chancenlos und man muss richtig kämpfen. KÄMPFEN! Und vor allem NICHT hinschauen, es ist auf jeden Fall besser, ein neues, anderes Layout einfach blind zu lernen und gleich auf die Tasten zu pfeifen. Zumindest berichten andere User und Anwender, dass es so leichter geht.

Der einzige Antrieb ist, der mich Fünkchenweise reizt, dass diejenigen, die den Gipfel bestiegen haben und oben geblieben sind, alle berichten, dass sie nach Jahren nie mehr zurück wollen und das Schreiben wesentlich angenehmer und besser ist.

Wobei… ich muss da irgendwie an Joseph Kittinger denken, der in den 60ern damals aus über 31.000 Meter einen der ersten Stratosphärensprünge wagte. Als er nach einem Aufstieg mit seinem Ballon ganz oben bei der geplanten Höhe ankam, schrieb ihn die Bodenstation an, dass er nun mit dem Abstieg beginnen könnte und er morste banal und schlicht zurück „Come up and get me“ (Komm und hol mich)… Stille… und hatte da oben einen Heidenspass, denn am Boden brach natürlich sogleich helle Aufregung aus, da die Crew dort dachte, durch Sauerstoffmangel ist es nun um ihn geschehen und niemand kann was tun.

Und die Frage ist, ob DVORAKS- und NEO 2-User sich nicht auch einfach nur einen Spass erlauben. Aber prinzipiell bin ich von einem anderen Konzept als dem veralteten QWERTZ sehr wohl überzeugt. Aber Neo… als Gehirnjogging und als Schlaganfallzucht gerne, aber zum Schreiben… puh, Kinder! Ich glaube, da stoppel ich mir lieber gleich generell mein eigenes Layout von Grund auf zusammen (das auch einfach intuitiv entstehen muss)… oder doch weiter NEO? Mh.

Karikatur von Bernard Gilliam (1893 US cartoon) [Public domain], via Wikimedia Commons

10 Kommentare


  1. Übrigens – ein wichtiger Nachtrag: natürlich kann man nach 8 Stunden noch gar nichts sagen, sondern erst nach 2 Monaten und mehr. Keine Frage und das ist auch klar – es ist hier etwas überzeichnet im Fazit. Allerdings merke ich auch, dass ich einige Tasten intuitiv anders legen würde und genau da hakt es dann bei mir… deswegen überlege ich, ob nicht ein Neo 2 Derivat für mich sinnvoller wäre.

    Es gibt sicher Menschen, die mit Neo, Dvorak und Co. binnen kürzester Zeit Erfolge vorweisen können, ich gehöre da eher nicht dazu – aber auch, weil ich anscheinend einen sehr eigenen Plan eines Layouts im Kopf definiert habe.


  2. NEO2: Aui giw ßzcgolbi aui Lcolzbgi, vlbb mub lgb Rfmmlbwuc gb Blg 2 iäsclgzw hba rlgbl Usbhbo suw, vg agl Wuiwlb tglolb…

    QERTZ: Das ist übrigens das Ergebnis, wenn man ein Kommentar in Neo 2 schreibt und keine Ahnung hat, wo die Tasten liegen…


  3. Ich habe mittlerweile den Entschluss gefasst, ein vollständig eigenes Tastaturlayout für meinen Linux-Laptop zu erstellen. Das Grundgerüst dafür habe ich bereits erstellt, es fehlt nur noch die für mich persönlich passende Belegung der Tasten – vom Prinzip her ist NEO 2 aber sicherlich ein guter Anhaltspunkt. Die Datei werde ich dann im Forum sowie hier posten.
    Ich für mich werde aber von einer zentrierten Anordnung ausgehen… schauen wir mal.


  4. Also: ich habe ein wenig in meiner ganz persönlichen Statistik abermals gekramt, zudem auch festgestellt, dass ich definitiv keine auf 10-Finger ausgerichtete Tastatur will, denn dazu greife ich viel zu oft während des Schreibens zur Maus, streichel eine Katze, trinke aus der Kakaotasse, kratze mich, strecke mich, spiele mit dem Handy rum, was auch immer… deshalb tippen meistens eher nur 1 1/2 Hände als 2… oder gar generell nur eine Hand alleine. Deshalb habe ich mir mein eigenes Layout wie folgt nun nach meinen ganz eigenen Bedürfnissen und meiner persönlichen Schreibweise (zumindest mal grafisch) zusammen gestöpselt (meinem Laptop angepasst):

    In der Mitte liegen ganz klassisch die häufigsten Tasten, der zweite Schwerpunkt ist die obere Reihe, rundherum folgt dann der Rest. Die Zahlenreihe oben auf der Tastatur ist hier nicht zu sehen, die bleibt aber relativ unverändert. M1 ist die Umschalttaste für Großbuchstaben. Sonderzeichen und Co. brauche ich ansonsten eher selten, da es eher um reine Texte wie diese hier im Blog geht… ein wenig werde ich an dem Ganzen aber bei Gelegenheit nochmal herumfeilen und die zweite Ebene der Tasten festlegen – aber das Projekt mit den Namen „MuliKey“ stelle ich dann hier mal als eigenen Eintrag online und vor – inklusive der Umsetzung (hoffentlich).


  5. Ich _liebe_ neo. Das einzige Problem sind Betriebssysteme:
    Wenn man solche Dinge wie Plan 9 ode Haiku benutzen will, muss man leider feststellen, dass das ganze (wenn überhaupt) eher mittelmäßig gelöst worden ist: Dazu, sich ein Tastaturlayout unter Haiku zu schreiben, gibt es kaum Dokumentation, unter Plan 9 konnte ich Ebenen 1-3 schon schreiben, aber das war ein Kampf…


    1. Oha, erwendest Du tatsächlich Plan 9 oder Haiku regelmäßig? Mit Plan 9 bin ich nie zurecht gekommen, während Haiku mich nicht nur optisch sehr angesprochen hat. Allerdings bin ich damals an der fehlenden WLAN-Unterstützung gescheitert. Gilt leider auch für RISC OS… ohne Netzanbindung für mich nicht nutzbar… :'(


  6. Ich verwende beide nicht regelmäßig, Haiku habe ich aber installiert und programmiere ab und zu ein bisschen auf darauf. Plan 9 ist für mich immer, wenn ich an neue Hardware komme, das erste, was ich ausprobiere. Hat noch nie funktioniert…habe es aber in einer qemu installiert. Ich finde die Ideen dahinter unglaublich ansprechend und klar, sogar noch viel besser als bei Linux. Das Problem ist bei Plan 9 auch ein bisschen das Interface-ich wechsele nicht gerne zwischen Tastatur und Maus :).
    Aber Neo ist bei mir überall in irgendeiner Weise vorhanden, und wie ein echter Fanatiker versuche ich jeden zu überzeugen, es auch zu benutzen. Es macht (mir zumindest) auch einfach Spass.

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