Artgerecht – nein. Trotzdem.

Selten gebe ich meine Meinung direkt in den sozialen Netzwerken ab, aber in letzter Zeit reizt es mich wieder. Etwas Alltagsfrust und das graue Wetter tut da sein übriges dazu… und so bin ich mal wieder über die Frage gestolpert, ob den Zoos artgerecht sind oder nicht? Und jedes Mal muss ich mir dabei an den Kopf greifen… das ist schließlich die falsche Frage!?

Sind sie auch nicht.
Meine persönliche Meinung: Nein, Zoos sind nicht artgerecht und sie werden es nie sein und vor allem: sie können es auch nicht sein. Nur um das geht es ja auch nicht… man kann auch kaum die Haustiere des Alltags wirklich artgerecht halten, egal ob Katze, Hund, Meerschweinchen oder Guppy. Alle Formen der Haltung sind nur eine Annäherung und während Haustiere zugegeben vor allem eine psychologische Ursache beinhalten – in Form von Gesellschaft, Bekämpfung von Einsamkeit, aber auch dem Wunsch nach Verantwortung und Fürsorge sowie Interesse an anderen biologischen Rassen und der Kommunikation mit ihnen – ist das eigentlich (moderne) Ziel von Zoos nicht mehr die Schaustellung wie in der alten Zeit, sondern der Erhalt der Art. Wenn es richtig gemacht wird.

Moderne Zoos
Wichtig ist zu verstehen, dass ich damit ausschließlich modern geführte Zoos meine, die einer seriösen Leitung und Konzept folgen – soll heißen, dass sich der jeweilige Zoo intensiv an Austauschprogrammen zur genetischen Vielfalt bei Zuchtprojekten beteiligt, ebenso aktiv an Wiederansiedelungsprojekten und dem Aufbau von Schutzgebieten beteiligt ist. Ich rede also nicht von Zoos von reichen Pseudo-Gönnern und Themenparks, die sich das Ganze zum Spaß oder aus Gewinnoptimierung halten, oder gar von einem kleinen Low-Budget-Zoo in einem Slum-Gebiet der unter katastrophalen Bedingungen mit dem fehlenden Wissenstand in der Bevölkerung und dem Aha-Effekt hausieren geht. Oder die gar aus persönlichen Gründen geführt werden, einfach um zu zeigen, dass man es sich leisten kann… Nein, ich rede von wissenschaftlich geführten Zoos.

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Die Frage, ob ein Zoo artgerecht Tiere halten kann, zeigt wie absurd die Gedankenwelt der Diskussionsgruppen an sich schon ist, speziell in einem Europa, wo es mittlerweile durch die letzten Jahre der Massenwirtschaft kaum noch Landschaften gibt, die tatsächlich unberührt sind. Denn es gibt sie praktisch nicht mehr, wenn man einmal mit offenen Augen durch die Welt geht oder fährt. Kaum ein Wald, kaum eine Wiese oder Fluss ist nicht begradigt, geleitet, verbaut oder wird nicht wirtschaftlich geführt.

Freie Wildbahn? Wo?
Wer schon mal einen echten, tatsächlich unberührten Wald gesehen hat, in dem Totholz nicht entfernt wird, der ein Mischwald ist und in dem nicht Holzschlägereien aus wirtschaftlichen Konzepten erfolgt, der wird wissen, wie radikal „gepflegt“ eigentlich unsere Spaziergang-am-Wochenden-Wälder sind. Ebenso bei Wiesen… werden sie nicht regelmäßig gemäht und gepflegt, verholzen sie im Laufe der Zeit und ihre Ausstrahlung entspricht definitiv nicht unserem Geschmack. Aber solche Wiesen sind natürlicher als so manche leuchtende Brach-Wiese, die mal eben für ein paar Jahre ein altes Feld aufforstet oder als Futtergrund für landwirtschaftliche Produktionen dient. Den echten Urwald, die echten Feucht- und Trockenwiesen und den frei fließenden Bach und Fluss – das gibt es kaum mehr. Leben also die Tiere dort nun natürlich und so richtig „echt“?

Ist ein Rehbambi, das jeden verzückt und vergnügt aufgrund der großen Kulleraugen tatsächlich „misshandelt“ und eingesperrter in einem Zoo, als ein Reh in unseren Wäldern, dass über die Bundesstraße hetzt, den Holzfällern ausweicht, den Erntemaschinen, den Jägern und zwischen Autobahnabfahrten grast und das Kitz in einer Mulde neben einem Rastplatz aufzieht? Ist eine Antilope, die zwischen zwei Slums und Zeltlagern auf kleinen, schmalen Grünstreifen ihre Ernährung deckt, während LKWs vorbeirattern und das Jungtier an einem Autoreifen neben der Mülldeponie nagt, besser dran?

Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich. Aber für mich stellt sich deswegen eher eine Frage, die man viel mehr fassen und sachlicher ausdiskutieren kann, als das Wohlfühlelement in den Köpfen unterschiedlicher Menschen.

Frage und Blickrichtung der Kernaufgaben
Mir geht es eher darum, ob der Zoo seine Kernaufgaben erfüllt – und das ist für mich die Zucht und Erhaltung sowie Beteiligung an Nationalparkprogrammen und Co. Ebenso wie oben erwähnt, das Engagement und die Mitarbeit an einer internationalen Samenbank sowie Datenbank und der Erforschung von Tiergattungen, ihrer Abstammung, ebenso Beobachtungen von Verhalten (auch wenn diese subjektiv anders sind als in „freier“ (welcher?) Wildbahn), ebenso der internationalen Austausch von seltenen Tieren zum Erhalt des gesunden Genpools bei der Fortpflanzung.

Giraffe, zebra and ostrich in Madrid Zoo.

Aber auch Schulungen, Studien und zu Forschungszwecken. Ja, klingt jetzt nach Tierversuchen, aber das ist nicht wortwörtlich so gemeint. Jedoch sind zum Beispiel Kinder und Jugendliche, so erschreckend und frustrierend das auch sein mag, die Zukunft von morgen – und mehr denn je, hat genau die einen völlig anderen (und vor allem technischen) Zugang zu der Materie Tier, Nationalpark und Wiederansiedelungsprojekten als unser Alter zumeist.

In meiner Generation war es normal, dass man in einen Tiergarten oder einen Nationalpark ging und dort sein Wissen im Vorfeld, danach oder auch währenddessen mit Führern in Buchform oder der Beobachtung von Tieren aufbaute und aneignete. Gut, es gab ja damals auch nichts – muss man ja jetzt fast kitschig sagen. Das war noch die Zeit vor Internet, Spielekonsolen, Massen-Sitcom-TV-Sendungen, Twitter-Fights und BarCamps. Aber Fakt ist auch, dass die junge Generation der letzten Jahr zunehmend den Bezug zu der fühlbaren, analogen Welt der Tiere und Pflanzen verliert und das jetzt auch ganz ohne der Panik von „Die Welt geht morgen unter“. Dass mehr und mehr Menschen in der Stadt leben oder sich die Städte vergrößern, tut ihr übriges dazu.

Zukunftsbildung
Wenn wir heute von Artenschutz reden, führt die Diskussion meistens recht direkt zu Klimaschutz und sonstigen, sehr übergeordneten, kaum greifbaren Themen, die für die breite Masse da draußen zwar erfassbar sind, aber deren Essenz sozusagen nicht berührbar ist. Und welches Kind hat heute schon ein Tagpfauenauge gesehen oder kann einen Zitronenfalter erkennen? Oder weiß aus Eigenantrieb, wie ein Eisvogel ausschaut, von was er sich ernährt oder wie sich eine Boa constrictor anfühlt? Nur wenige von den „Kleinen“ können darauf eine Antwort geben.

Dabei ist es die Generation, die einen Bezug zu dieser Welt dringend benötigt, sonst fehlt der Resonanzraum für Artenschutz und Schutzgebiete vollkommen in absehbarer Zeit. Ja, auch wenn es hart klingt und das Tier gestresst ist – aber lieber berühren ein paar hundert Kinder eine Schlange in einem „Gefängnis“ eines Zoos irgendwo, als das zugleich Tausende der Tiere in den nächsten Jahren aussterben, weil sie niemand vermisst oder gar mehr kennt. Es ist traurig schreiben zu müssen, dass hier Einzelopfer gebracht werden müssen (oder sollten). Aber die Ideologie, dass jedes einzelne Leben geschützt werden muss, führt erst recht in die Abwärtsspirale und in endlose Analogien, die eine Kehrtwende praktisch nicht mehr ermöglichen. Traurig, ist aber so.

Artgerecht. Niemals.
Ein Zoo kann und wird nie zu 100% artgerecht agieren können, weil es von Grund auf nicht geht und er wird immer ein Ghetto für die dortigen Tiere sein, eine Belastung und ein wirtschaftlicher Kompromiss. Es liegt auf der Hand, dass ein gewisses Marketing und eine Polemik in der Kommunikation dazu gehört, ebenso Action, Familienspass und auch das Erlebnis, das mit SocialMedia-Plattformen und Youtube mithalten muss. Dabei gibt es Opfer, wie immer in solchen Fällen. Nur anders finanziert wohl kaum ein Bürger der Massengesellschaft heute mal eben ein Artenschutzprojekt oder die Erhaltung einer Tierrasse. Zoos sind und bleiben Notlösungen – das liegt auf der Hand. Denn bei dem „User“ da draußen ist das eigene Haus mit gemähten Rasen und Grundstück in der schönen, echten *hust* Natur immer noch wichtiger als eine fade Feucht- oder Sumpfwiese, die trist und unspektakulär wirkt und mit Mücken durchsetzt ist… dabei aber wesentlich mehr zum Überleben vieler Arten beitragen würde.

Klar, gäbe es mehr Schutzgebiete und Ansiedlungsprojekte, die erfolgreich verlaufen, bräuchte man keine Zoos. Gibt es aber nicht. Und ja, nicht jede Tierart in einem Zoo muss dort gehalten werden oder ist bedroht – naturgemäß ist es eine nette Verpackung, die hier eingebracht wird. Nur auch wenn man Schutzgebiete ausbaut und neu definiert, benötigt es für eine Ansiedlung gesunde und genetisch durchmischte Tiere zum „Aufforsten“, gemäß des jeweiligen Lebensraum… und oft findet man die in der „freien“ Natur eben kaum mehr.

Kritiker können jetzt natürlich gerne argumentieren, dass das Leben nun mal so ist – es ist grausam, aber auch dass Tierrassen und Gattungen kommen und gehen, gehört halt zum Kreislauf des Lebens, ebenso wie in der Pflanzenwelt und ihre Neuzugänge namens Neophyten, die alte Besiedelungsstrukturen aufbrechen und die Landschaft neu formen. Ist halt so, was soll man schon machen?! Das ist das Leben. Nur wer dieses Denken verfolgt, was auch in der eigenen Form in sich ja sogar schlüssig ist, der wird sich um Zoos sowieso kaum Gedanken machen, denn Tiergattungen, die aussterben, sterben ja deswegen aus, weil sie eben in keiner freien Wildnis mehr überleben können – also damit eh schon lange in einem Gefängnis eingesperrt sind. Diskussionsgrundlage also null.

Und wer sich Gedanken macht, dass das arme Zebra oder der kleine Kolibri oder gar das traurige Eisbärenbaby sowie der psychisch verbrauchte Menschenaffe in einem Einzelgefängnis Zoo leidet und über die ach so bösen Gitterstäbe schimpft, der sollte selber erst vor der Türe kehren und sich stattdessen aktiv für neue Lebensräume und deren Erhalt massivst einsetzen – denn dann brächten wir schlussendlich auch keine Zoos mehr.

Giants_of_the_Savanna_Inhabitants

Manchmal erinnert mich diese unsägliche Diskussion um artgerechte Tiergärten und dass man sie sowieso alle abschaffen sollte und brennt sie nieder und Menschen stattdessen hinter Gitter, los geht’s!… an eine Diskussion rund um menschliche Slum-Bewohner neben den Großstädten, die dort nicht leben sollten und es ist eine Frechheit, dass man ihnen das zumutet und wo ist da die Würde und deren Gesundheit… nur es bleibt das selbe Resumeé danach: wohin sollen sie denn? Wer kümmert sich um deren Lebensraum und das „gute Zuhause“?

Ist die „Gruft“ in Wien als Station und Unterkunft für obdachlose Menschen in Not wirklich würdevoll? Nein. Rufen wir deswegen danach, dass man diese Einrichtung zusperren sollte? Nein. Versteht man es als temporäre Lösung und Alternative? Ja. Und so betrachte ich Zoos… nicht das Gelbe von Ei, aber einer von vielen Versuchen und Möglichkeiten zur Neuorganisation.

Dass man dennoch in Zoos viel verbessern kann und noch alte, sozusagen kolonalistische Strukturen der Haltung der alten Jahrzehnte aufbrechen, aufarbeiten und neu formen muss, liegt auf der Hand… aber speziell in den letzten Jahren hat sich in den modernen, wissenschaftlich geführten Zoos in Europa doch so einiges getan und man hat durchaus viel an Zeit und den aktuellen Wissensstand genutzt, um mehr Abwechslung, Freiraum und Balancierung für die Tiere zu ermöglichen und auch den Austausch der Wissenschaft, der Fortbildung und der Zukunft zu fördern. Naturgemäß im Rahmen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die ebenso trist sind, wie das Bildungssystem, die Berufschancen und der Krieg mit seinen Folgewirkungen in den Nachrichten.

Irgendwas muss gemacht werden
Dass Zoos grundlegend falsch sind und bleiben, mag richtig sein. Dass man sie abschaffen sollte, ist aber eine fast absurd anmutende Forderung, solange es nicht genug andere Ressourcen gibt. Und vor allem auch im Angesicht dessen, dass auch in Europa, wo wir uns irgendwie meistens gut aufgestellt fühlen (wenn es um Tiere und die Pflanzenwelt geht), das Artensterben gewaltig weiter voranschreitet und mehr und mehr an Lebensformen verschwinden von Jahr zu Jahr. Es fällt einem nur irgendwie bei uns nicht so sehr auf, denn Elefanten und Tiger erscheinen uns gewichtiger und werden medial gerne gekrönt – dabei sind sie nur ein visuell eindrucksvoller Aspekt in dem ganzen „Spiel“ von Zerstörung und dem – zumeist – kleineren Wiederaufbau.

Nicht in einen Zoo zu gehen, weil die armen Tiere dort so traurig schauen und niemand sie befreit, ist nichts anderes, als die Augen zu verschließen und es einfach zu ignorieren. Wer es dort nicht schafft, der sollte wenigstens für Schutzgebiete spenden, sich aktiv beteiligen und Wiederansiedelungsprojekte fördern, kritische Fragen als Verbraucher stellen und bei vorhandenem Garten nicht unbedarft Zierpflanzen aus der Retortenpackung ausstreuen und stattdessen Lebensräume schaffen, die zumindest heimischen Arten ein Zuhause bietet. Und wenn es nur ein kleiner, unscheinbarer Käfer ist, der dann davon profitiert… denn er steht in der Kette der verknüpften Lebensformen an der genau gleichen Stelle wie der Mensch oder eine kleine Zelle im Tümpel ums Eck. Es muss nicht immer der Tiger, die Wale oder der Seeadler sein – auch Tiere, die jetzt nicht unbedingt eine „coole Marke“ sind, sind genauso wichtig im Erhalt.

Entweder man akzeptiert Zoos als kommerzielles Modell einer Erhaltungsform oder man nimmt selber den Kopf in die Hände und bewirkt etwas – alles andere ist nur Rhetorik um das Nichts.

Nochmal zur Erinnerung: ich spreche von modernen, wissenschaftlich geführten Zoos, die an Projekten aktiv teilnehmen. Alle anderen Zoos kann und sollte man natürlich von Grund auf schließen – ohne wenn und aber. Und ja, dieser Anforderungen entsprechen nur sehr wenige, aber genau um die geht es mir. Man kann nicht alles von Grund auf einfach verteufeln… so einfach ist das „Leben“ nun mal eben nicht.

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Foto 1: Public Domain via Wikimedia Commons
Foto 2: By Tiia Monto (Own work) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
Foto 3: By Tiia Monto (Own work) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

2 Kommentare


    1. Bin ich froh, dass ich nicht mehr auf Facebook bin und von diesen Kettenmails und Postings sowie den Kommentaren nichts mehr mitbekommen…!
      Ich muss ehrlich sagen, dass ich diese Kommentare nicht packe – von Arm, über Menschen aufhängen bis hin zu esst kein Fleisch mehr sind alle Klassiker dabei.
      Dass da jemand vor dem Teilen, Liken und so weiter sich mal ein paar Minuten hinsetzt, das Thema recherchiert und dann vielleicht eine Meinung abgibt, mit der man sachlich „arbeiten“ kann, verstehe ich nicht ganz. Noch dazu bei dem Bild – das schwirrt auch schon seit Jahren immer wieder aufs neue durch das Netz.

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